Der Himmel über Appleton House von S. E. Durrant


Der Himmel über Appleton Town

“Ich glaube, das Leben wäre einfacher, wenn alle ein Schild hätten. Denn dann müsste man nicht laut aussprechen, was man denkt, und wäre nie unfreundlich. Es ist wie lautloses Schreien. Vielleicht könnte man sogar einen Krieg beenden.” (S. 51)

Ira und Zac leben im Kinderheim. Sie sind Waisen. Vielleicht aber auch nicht.

Es gibt ein Foto von ihnen, ihrer Mama und einem schwarzen Hund. Zac glaubt, dass der Hund noch lebt. Dass er möglicherweise auf dem Foto noch jung war und dass er sich an Ira und Zac erinnern wird, wenn er sie wiedersieht. Der Hund, so glaubt er, ist bei ihrer Mama, die vielleicht auch noch lebt. Genaueres weiß man nicht, aber Zac möchte die Hoffnung nicht aufgeben.

Ira versucht auch gar nicht sie ihm zu nehmen. Sie ist nur wenige Jahre älter als er. Gerade mal neun und doch übernimmt sie eine Art Mutterrolle. Sorgt sich um Zac, denn er ist nicht so ganz einfach. Manchmal tosen die Gefühle aus ihm heraus wie ein wilder Sturm. Dann macht er Dinge, die den Erwachsenen nicht so gut gefallen und dann müssen Ira und Zac wieder umziehen. So richtig zu Hause sind sie nie.

In Appleton House ist es okay. Die anderen Kinder sind okay und auch die Angestellten sind okay. Außer Mrs Clanks, die Direktorin. Die schaut immer gleich verdrießlich und lacht sicher nie. Als Ira und Zac die Ferien in Appleton House verbringen dürfen, ist das wie ein schöner Traum, der nie enden soll. Doch dann ist es wieder einmal so weit. Zac lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Und diesmal bringt er nicht nur sich selbst in Gefahr.

“Aber unsere Gefühle liegen direkt nebeneinander, das heißt: Gerade noch sind wir fröhlich und dann plötzlich wütend und manchmal spüren wir auch gar nichts. Es ist beängstigend so zu sein.” (S. 73)

Unerwartet ist dieses zierliche Königskind zu einem meiner Lieblinge geworden. Die Sprache ist leise und ganz fein. Auf die kindliche Perspektive der Ich-Erzählerin ausgerichtet, die, bedingt durch ihre Erlebnisse, schüchtern und ängstlich in die Welt blickt, aber wie eine Löwin kämpfen kann, wenn es um ihren Bruder geht. Ein letzter Teil ihrer Familie.

Die Autorin nimmt den Leser ganz sanft mit in eine Geschichte, die mich mit jeder Seite mehr berührte, am Ende sogar zu Tränen rührte. Da sind diese beiden Kinder, die so stark sein müssen und gleichzeitig so verletzlich sind, weil ihnen jeglicher Halt fehlt. Die nie Wurzeln bilden konnten und die Liebe, Geborgenheit und Nestwärme einer Familie nicht kennen. Die unsicher sind im Umgang mit anderen Menschen, weil man ihnen nie Stabilität bieten konnte, weil es immer wieder Bindungsabbrüche in ihrem Leben gab und die sich nichts mehr wünschen als eine Heimat. Einen Ort, an dem sich ihre Herzen niederlassen können.

“Egal, wie schlecht die Dinge stehen, man kann immer hinauf in den Himmel blicken, und dann geht es einem besser.” (S. 18)

Es gibt kaum ein Buch, das die Gefühle einsamer Kinder so gut auf den Punkt bringt, so gut veranschaulicht, wie “Der Himmel über Appleton House”. Es wird deutlich, wie schwer es für Kinder ist, wenn ihnen alle oben genannten Dinge fehlen, in welche emotionale Krise sie dadurch gestürzt werden. Wut und Trauer verschmelzen, Emotionen verlassen das Ausmaß des Angemessen, Gefühle sind nicht mehr greifbar, müssen in Formen verwendet werden, in den sie sichtbar werden. Zerstörung und Gewalt, gegenüber Gegenständen, Menschen, sich selbst.

S. E. Durrant hat ein Buch geschrieben, das ich fest in mein Herz geschlossen habe. Es ist ein Buch, das Hoffnung gibt, wenn man glaubt, dass alles verloren ist. S. E. Durrant sorgt dafür, dass man den Himmel sieht.

Für Kinder ab 12 Jahren.

Nanni bloggt auf ihrem Buchblog Fantasie & Träumerei und regelmäßig für den Buchladen am Freiheitsplatz.

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