Die Geschichte des Buchladens



Der Buchladen am Freiheitsplatz hat eine lange Geschichte,
die ich hier kurz erzählen will:

Es war der 1. Mai des Jahres 1920, als mein Vater Otto Dausien im Alter von 22 Jahren in Halle an der Saale seine Buchhandlung eröffnete. Er war in der damaligen Jugendbewegung aktiv, ein „Wandervogel“ mit Liebe zur Natur. Wasserkraft, Askese und Freikörperkultur faszinierten ihn. Und er war, nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, Pazifist. Seine Buchhandlung taufte er „Neudeutsche Bücherstube“ nach dem „Haus der Neudeutschen Jugend“, in dem der kleine Laden residierte und wo er sich mit seinen Reform-Freunden und -freundinnen traf. Und natürlich hatte er die passenden Bücher im Sortiment. Die Buchhandlung wuchs und gedieh und zog nach mehreren Stationen in ein großes Ladengeschäft am Universitätsring. In ihren besten Zeiten arbeiteten in der „Neudeutschen Bücherstube“ 6 Buchhändlerinnen und Buchhändler.


Hanau 1975: Otto Dausien vor der Bücherstube
in der Hospitalstraße 4

Das Jahr 1933 bedeutete auch für Otto Dausien einen dramatischen Einschnitt. Als Nazigegner wollte er sich nicht mit der neuen Zensur abfinden und geriet wegen verschiedener illegaler Bücher in Schwierigkeiten. Immerhin konnte er sich dem Kriegsdienst weitgehend entziehen. Beim Bombenangriff 1945 auf Halle verlor er seine Frau, die ihm drei Kinder hinterließ. Eines davon war Werner Dausien, der nach dem Krieg in Hanau seinerseits eine Buchhandlung und den Dausien Verlag eröffnete. Mit der Buchhandlung in Halle ging es unter schwierigen Bedingungen weiter. Nach der Zensur der Nazis waren es nun die sowjetische Besatzung und die DDR-Regierung, die meinem Vater vorschreiben wollten, was er zu verkaufen hatte und was nicht.


Halle 1950: Die "Neudeutsche Bücherstube" am Universitätsring 10

Otto Dausien war ein sparsamer Mensch, dem es schon deshalb widerstrebte, Bücher wegzuwerfen. Also hortete er auch vieles, was auf dem sozialistischen Index stand. Das führte nach mehreren Durchsuchungen zu Strafverfahren und letzten Endes dem Entzug der Einzelhandelserlaubnis. Die Neudeutsche Bücherstube wurde zwangsweise dem Volksbuchhandel eingegliedert und Otto Dausien musste in angestellter Position arbeiten, z.T. in seiner ehemals eigenen Buchhandlung. Zuvor aber lernte er Inge Bielefeld kennen, die bei ihm eine Lehre zur Buchhändlerin machte. Sie war so jung wie seine Tochter und gerade frisch geschieden, kurzum: Otto machte ihr einen Heiratsantrag. Aus dieser Ehe, 1956 geschlossen, gingen meine Schwester Bettina und ich hervor. Nachdem nun Ende der 50er die Repressalien immer schwerer zu ertragen waren und bereits der größte Teil von beiderlei Verwandtschaft in den Westen gegangen war, kehrte auch unsere Familie 1961 der DDR den Rücken. Der Legende nach fuhr unser Vater, der zeitlebens ein recht gelassener Mensch war, am 13. August mit der letzten U-Bahn vom Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße in den Westen der Stadt, wo der Rest der Familie schon auf ihn wartete. Von da aus ging es mit dem Flugzeug nach Frankfurt.


Frankfurt 1967:
Schaufenster in der Fahrgasse 80

Der neue Wohnort sollte Hanau sein, wo schon mein Halbbruder Werner Dausien mit seiner Familie lebte und seinerseits die Buchhandlung „Bücher bei Dausien“ eröffnet hatte. Die „Neudeutsche Bücherstube“ wurde allerdings nicht hier, sondern in Frankfurt neu eröffnet, in der Fahrgasse 80. Ein zusätzlicher Zweig der buchhändlerischen Tätigkeit wurde der Versand von, in der Regel besonders preiswerten, Büchern. Und so wurde dem Namen ein neuer Teil hinzugefügt: „Neudeutsche Bücherstube - Moderner Buchdienst Otto Dausien“ – ein ziemlich langer Name für eine sehr kleine Buchhandlung, die unsere Familie kaum ernähren konnte. Deshalb nahm meine Mutter auch bald eine zusätzliche Arbeit an, lange Zeit als Schulsekretärin bei der Stadt Hanau. Otto musste „den Laden“ nahezu alleine stemmen. In seinem Alter wurde dies zunehmend schwieriger, und mit 76 gab es nochmal einen Ortswechsel:


Hanau 1974: Anzeige zur Neueröffnung

Den Umzug der Bücherstube nach Hanau 1974 in ein kleines Ladenlokal in der Hospitalstraße, schon damals nicht die beste Einkaufslage. Dabei wurde auf den nicht mehr verständlichen Namensteil „Neudeutsche“ verzichtet. Einem Missverständnis war nicht so leicht zu begegnen: Nachdem die wesentlich größere Buchhandlung von Werner Dausien den Hanauern schon gut bekannt war, hielt sich lange die Meinung, dieser habe noch eine kleine Filiale für abseitige Literatur (die es bei uns immer gab) eröffnet. Die noch heute in Hanau gebräuchlichen Bezeichnungen „der kleine“ und „der große Dausien“ zeugen davon. Ein Jahr nach dem Umzug begann ich meine Lehre zum Buchhändler bei meinem Vater, der noch vor Ende meiner offiziellen Lehrzeit am 30. April 1977 verstarb – an einem Herzinfarkt, den er zwei Tage zuvor bei der Ladenarbeit erlitten hatte.

 



Hanau 1978/1980: Werbemittel der Bücherstube
Dieter Dausien

Nun durfte ich es also, 57 Jahre nach der Gründung, meinem Vater nachtun und als junger Mann, gerade 18 Jahre alt, die eigene Buchhandlung führen. Ich arbeitete damals nur mit einer Aushilfskraft, aber mit viel Hilfe meiner Mutter Inge. Sie blieb dem Buchladen stets verbunden und half bis in ihr hohes Alter mit. Wie schon vor mir Otto gestaltete auch ich den Laden am Anfang der 80er Jahre nach meiner Lebenskultur und meinen politischen Vorstellungen. Auch meine Sache war nicht der Mainstream: Friedensbewegung, die Forderung nach einem selbstverwalteten Kulturzentrum in der Pumpstation in Kesselstadt, Umweltschutz und Dritte Welt waren meine Themen. In konservativen Kreisen hatte der Buchladen nicht das beste Image. . . Aber dennoch: Der Umsatz stieg und ich hatte meine ersten festen Mitarbeiter in der Bücherstube in der Hospitalstraße.



Hanau 1987: Die Bücherstube Dieter Dausien, jetzt schon am Freiheitsplatz 6


1983 nahmen wir die Büchergilde Gutenberg, damals noch ein Gewerkschaftsunternehmen, mit an Bord und 1984 gelang der Umzug in eine bessere Lage, ins Gewerkschaftshaus am Freiheitsplatz 6. Die Bücherstube überstand einen Versuch der Kollektivierung, mein zeitweiliger Kompagnon Jörg Erb und ich trennten uns im Guten und aus der „Bücherstube Dausien + Erb“ wurde nun endlich, im Jahr 1992 der „Buchladen am Freiheitsplatz“. Es folgte der Umbau zum heutigen Ambiente, die „IKEA“-Regale flogen raus, ein moderner Ladenbau hielt Einzug.



Frankfurt 1961: Vorübergehende Eröffnung der Neudeutschen Bücherstube im Pinguin Café




Von dieser Geschichte geblieben ist unsere Unverwechselbarkeit:

  • Eine Auswahl, die sich nicht daran orientiert, was bei „großen Kollegen“ im Stapel liegt, sondern daran, was wir wirklich empfehlen können
  • Unser unkonventionelles Veranstaltungsprogramm
  • Die persönliche und ehrliche Art, mit unseren Kunden umzugehen
  • Unser Service, der nicht einfach „Standard“ ist, sondern das bietet, was unsere Kunden zufrieden macht (und manchmal auch begeistert)
  • Das außerordentlich engagierte tolle Team, dessen Mitglieder schon seit bis zu 20 Jahren gemeinsam mit mir für den Buchladen arbeiten.

Um so bleiben zu können, verändern wir uns immer wieder aufs Neue. Ob mit unserem Internetauftritt www.freiheitsplatz.de, mit dem wir schon 1997 an den Start gingen oder mit unserem Engagement beim Thema eBooks. Mein politisches Engagement ist nach wie vor Teil des Ladens, wenn auch mit einem anderen Schwerpunkt: Seit mehreren Jahren bin ich ehrenamtlich aktiv im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und versuche dazu beizutragen, dass es auch in Zukunft für kleinere inhabergeführte Buchhandlungen wie uns noch möglich ist, zu gedeihen.

Dieter Dausien, im Sommer 2013

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