hr-iNFO Büchercheck: Am Grund des Universums von Norbert Scheuer


Am Grund des Universums

Wenn ein Schriftsteller immer wieder eine kleine Gemeinde zum Schauplatz seiner Werke macht und dieser Schriftsteller auch ein guter Autor ist, dann wird aus dem Ort ein Ort der Literatur. In ihm verdichtet sich die Wirklichkeit, und die Poesie veredelt sie. Ich schwärme, das geht im Fall Scheuers. In seinem Kall entsteht nicht nur Welt, in diesem Buch sogar ein Universum: aus Leben und Träumen, aus Geschichten. Der Urschlamm liegt sozusagen auf dem Boden eines erfundenen Stausees in Kall. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Zwei windige Investoren, ein unseriöser Bauunternehmer und ein überambitionierter Banker wollen ihren Ort aus dem Dämmerschlaf holen. Touristen sollen Geld in die Kassen spülen. Dafür soll der kleine alte Stausee vergrößert und allerlei touristisches Angebot geschaffen werden. Die Meisten im Ort haben Dollarzeichen in den Augen, verkaufen Grundstücke, geben Geld. Der Stausee wird abgelassen. Die Hinterlassenschaften vieler Jahrzehnte tauchen aus dem Schlamm auf. Relikte des Lebens, Stoff für Erinnerungen und Geschichten. Der Supermarkt ist der Mittelpunkt des Ortes. Hier trifft sich Scheuers Personal. Die Alten, die Jungen, die Mitarbeiter, die zugereisten Bauarbeiter. Scheuer erzählt die Geschichten dieser Leute. Zum Beispiel die des in Afghanistan schwer verletzte Bundeswehrsoldaten; die der jungen Frau, die zwar schreiben, aber nicht lesen kann; die des schwerkranken Elektrikers, der sich ein Raumschiff baut und damit ins Universums startet.

„Das Tal verengt sich kurz vor Kall, sodass sich die Gleise dicht neben Urft und Landstraße drängen. An die Sandsteinfelsen krallen sich Kiefern und Erlen, deren Zweige bis zur Flussmitte reichen. Aus den Bullaugen der Raumkapsel erblickte Lünebach Myriaden funkelnder Sterne, die über dem Stausee schwebten. Je höher er stieg, umso mehr erschienen ihm das Urftland und der See als Universum, das zu erkunden vielleicht ebenso reizvoll gewesen wäre wie Lichtjahre entfernte Welten. Durch eine Art Raum-Zeit-Krümmung konnte er den See zugleich in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wahrnehmen. Seinen Berechnungen zufolge würde er am Ende seiner im Stausee landen.“

Wie ist es geschrieben?
Scheuer schreibt die Geschichten dieser Leute in kurzen Kapiteln hintereinander auf. Parallel dazu läuft die Geschichte des Stauseeprojekts. Die Lebenswelten der Leute stehen für sich, sind aber alle miteinander dicht verwoben. Einige sind sogar aus früheren Romanen Scheuers. So entsteht in dem kleinen Ort ein Kosmos. Scheuer erzählt leise, fast nüchtern. Und gleichzeitig doch voller Empathie und Poesie. Es ist eine zarte, feinfühlige Prosa. Die Romanfiguren wachsen einem beim Lesen ans Herz.

Wie gefällt es?
Ein kleiner Ort als Schauplatz der Welt, als Resonanzboden vielfältiger Schicksale, realistisch und poetisch erzählt. So entstehen Bücher, die ich nicht vergesse.

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