hr-iNFO Büchercheck: Das Feld von Robert Seethaler


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Mit seinem Roman „Ein ganzes Leben“ hat der Schriftsteller Robert Seethaler vor drei Jahren einen Riesenerfolg gehabt. Jetzt liegt sein neuer Roman „Das Feld“ vor. Wieder geht es um Rückblicke aufs Leben, aber auch um den Tod. Seethaler erhält für das Buch im September den Rheingau Literaturpreis. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Feld ist der Friedhof von Paulstadt, einer Kleinstadt. Dort gibt es eine Birke und unter ihr eine marode Bank. Auf der sitzt nahezu täglich ein alter Mann und sinniert über das Leben und den Tod und über die Menschen in Paulstadt. Die meisten, die er kennt, sind verstorben. Er meint, er kann sie reden hören auf dem Friedhof. Und so reden sie dann, 29 an der Zahl, in jedem Kapitel jeweils eine andere Person. Jeder erzählt eine Besonderheit seines Lebens, aus der sich die Figur erschließt. Der Autohändler, der Bauer, der muslimische Gemüsehändler, die gescheiterte Schuhhändlerin. Die Mutter mit Blutvergiftung, die alte Frau im Pflegeheim, der junge Mann, der im Auto einer Freundin nach einem Unfall stirbt. Der halbseidene Bürgermeister, der durchgedrehte Pfarrer, der Herausgeber des Lokalblättchens. Aus allen Geschichten entsteht ein Beziehungsgeflecht der Bewohner in einem Zeitraum von knapp 100 Jahren. Es entsteht aber auch eine Topografie des Ortes, der Straßen, Plätze, Geschäfte. Und eine Art Historie von Paulstadt. Die Toten sind abgeklärt. Sie sind am Kern ihrer Existenz angekommen. Die meisten haben keinen Gott mehr. Allenfalls zehren sie von Erinnerungen. Gelassenheit prägt ihre Lebensbilanz. Geblieben ist das Thema Würde, etwa bei der 105-jährigen Annelie Lorbeer. Sie erinnert einen weisen Satz, mit dem sie ihre Totenexistenz verortet:

Ohne Würde ist der Mensch ein Nichts. Solange es geht, sollte man sich selbst darum bemühen. Sobald es jedoch aufs Ende hin geht, kann einem die Würde nur mehr geschenkt werden. Sie liegt im Blick der anderen. (…) Es ist ein Satz, wenn schon nicht für die Ewigkeit, so doch für den Augenblick. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen. Erst war ich Mensch, jetzt bin ich Welt.

Wie ist es geschrieben?
Pro Kapitel eine Person. Der Roman ist überschaubar. Und doch ist er auch kompliziert. Der Gesamtzusammenhang ergibt sich durch die Vielstimmigkeit erst im Lauf der Lesezeit. Man muss die Details behalten und zuordnen. Das ist ein wenig anstrengend. Die Geschichten sind zwar individuell, die Haltung und die Sprache der Figuren aber sehr ähnlich. Ihre Abgeklärtheit drückt sich in einer lakonischen, ja kargen Sprache aus. Es geht ja auch um das Wesentliche, das, was vom Leben übrig bleibt. Diesen Ausdruck bringt Seethaler zur Meisterschaft.

Wie gefällt es?
Seethaler versammelt in diesem Buch bewegende Schicksale, er macht die Menschen greifbar. Sie berichten von zum Teil dramatischen Dingen, aber Seethaler nimmt ihnen durch seine Sprache den Schrecken. Er findet einen poetischen Grundton, der den Pragmatismus und die abgeklärte Weisheit der Figuren nach ihrem Tod trägt. Das beruhigt, tröstet vielleicht. Auch wenn jede dieser Geschichten beim Lesen die Frage aufwirft: Wann trifft es dich?

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