hr-iNFO Büchercheck: Den Himmel stürmen von Paolo Giordano


Paolo Giordano

Wenn sie nicht in Apulien lebten, hätte man sie sich auch im Hambacher Forst vorstellen können. Eine Gruppe junger Leute, die das Abholzen alter Bäume verhindern wollen. Mit Blockade und Sabotage, mit ihren Körpern, aber auch mit selbsterzeugtem Sprengstoff. Bernardo, kurz Bern, die Hauptfigur, baut sich sogar ein Nest in einem Baum. Doch es sind keine Eichen und Buchen, sondern Olivenbäume. Sie sollen für einen Golfplatz weichen. Am Ende gibt es einen toten Polizisten, den Cousin Berns. Bern steht unter Tatverdacht. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? Das erzählt Giordano aus der Perspektive Teresas. Als junges Mädchen kommt sie regelmäßig mit ihrem Vater aus Turin nach Apulien, um die Ferien im Landhaus ihrer Großmutter zu verbringen. Dort lernt sie Bern, seinen Cousin und einen dritten Jungen kennen, die auf dem Nachbarhof leben. Die drei Jungen treten auf wie Brüder. Doch nur Nicola, der spätere Polizist, ist tatsächlich ein Sohn der Nachbarn. Bern und auch Tommaso sind Pflegekinder. Cesare, der Vater, ist eine Mischung aus Hippie und katholischem Guru, der an die Wiedergeburt glaubt. Die Kinder wachsen in einer Art selbstgestrickter religiöser Indoktrination auf. Teresa wird davon angezogen, besonders aber von Bern, den sie nahezu hörig liebt und später heiratet. Bern liest viel, wird zum Nihilisten, Narzissten und Tyrann. Tommaso erinnert sich:

„Er begann mit „der große Egoist“ zu unterschreiben. In riesigen Lettern schrieb er mitten auf ein Blatt: „UNSERE AUFGABE IST ES, DEN HIMMEL ZU STÜRMEN!“ Er schrieb: „Wir müssen ihn erklimmen, den Himmel. (…) Im letzten Brief ( …) wiederholte er einen Satz, der das Ergebnis all dieser Studien war. (…)“ Jetzt habe ich es verstanden. Nicht ich irrte mich. Gott ist nur eine banale Erfindung. Nur wer lebt, hat Recht.“

Bern wird ein Mensch mit eigenen willkürlichen Regeln. Die Gruppe fällt auseinander. Alle Anläufe, den Himmel zu stürmen, bringen nur Katastrophen hervor.

Wie ist es geschrieben?
Giordano erzählt aus der Perspektive Teresas, die auf das Geschehen zurückblickt. Sie berichtet und trägt von anderen zusammen, was sie selbst nicht erlebte. So wird aus verschiedenen Quellen das Beziehungsgeflecht der Figuren deutlich, ihre Ambitionen, ihre Schwächen, aber auch ihre gegenseitige Verletzung. Verborgenes tritt zutage. Auf 500 Seiten ergibt sich ein Panorama verletzter Seelen.

Wie gefällt es?
Junge Leute und ihre utopischen Projekte, brüchige Fassaden, Generationenkonflikte, Impulsivität, Kontrollverluste. Das hat einen hohen Reiz, ist spannend. Giordano trägt mit manchen Details zwar dick auf, aber es gelingt ihm, das Geschehen psychologisch zu motivieren. Und er erzählt es mit Leichtigkeit und Überraschung. Das hat mich schnell reingezogen und gefesselt.

hr-iNFO

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