hr-iNFO Büchercheck: Der Boxer von Szczepan Twardoch


Der Boxer

Szczepan Twardoch ist Jahrgang 1979 und ein Star der polnischen Literaturszene. Sein neuster Roman „Der Boxer“ hat das Zeug dazu, die konservativen, nationalistischen Kreise in Polen in Rage zu versetzen. hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Warschau des Jahres 1937. Der titelgebende Boxer ist Jakob Shapiro – er ist Schwergewichtsmeister, er ist der Inbegriff eines wehrhaften Juden, und er ist ein Killer, der gleichzeitig Auftragsmorde für die Warschauer Mafia erledigt – eine Mafia, die zwar ein skrupelloses Verbrechersyndikat ist, die aber gleichzeitig Stellung bezieht gegen den faschistischen Nationalismus, der sich anschickt, mit einem blutigen Putsch die Macht zu übernehmen. Das alles ergibt ein komplexes Bild der polnischen Vorkriegsgesellschaft, einer zerrissenen Gesellschaft, in der Straßenschlachten, Erpressungen, politische Intrigen und ein grassierender Antisemitismus an der Tagesordnung sind.

Wie ist es geschrieben?
Szczepan Twardoch erzählt die Geschichte von Aufstieg und Fall des Jakob Shapiro in Stil eines noir-Krimis: düster, direkt und harten schwarz-weiß-Kontrasten. Gewalt ist allgegenwärtig in der Welt Shapiros: Ob auf der Straße, in den Kneipen und Bordellen oder im Fond seines Buick:

„Shapiro drehte sich langsam auf seinem Sitz um, und Munja hatte, ehe er sich versah, den Lauf einer Pistole an der Stirn, eines kleinen Colt 1903 mit perlenbesetztem Kolben, der zwischen Shapiros Fingern glitzerte. „Reiß die Fresse noch einmal ungebeten auf, dann landest du im Kofferraum neben diesem Scheißkerl“, flüsterte Jakub.“

Die Brutalität dieses Romans ist teilweise verstörend, nicht zuletzt deshalb, weil Twardoch mit Bildern von Gewalt und Demütigungen arbeitet, die wir eher aus Beschreibungen des Holocaust kennen. Und dann ist da auch noch der Erzähler des Romans, Mosche Bernstein, dessen Vater von Shapiro auf grausame Weise ermordet wird, und der sich trotzdem dessen Syndikat anschließt – aus Bewunderung für dessen Wehrhaftigkeit. Und so lautet der erste Satz des Romans:

„Meinen Vater hat ein großer gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet.“

Wie gefällt es?
„Der Boxer ist ein mitreißendes Gangsterepos, schonungslos, packend und schwindelerregend in seiner Auflösung der Grenzen zwischen Opfern und Tätern. Vieles von dem, was hier über die Warschauer Vorkriegszeit, über die gesellschaftliche Spaltung und politische Radikalisierung erzählt wird, war mir vollkommen unbekannt. Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Roman so gar nicht ins Geschichtsbild der aktuellen national-konservativen Regierung passt – um so wichtiger, dass Szczepan Twardoch dieses dunkel Kapitel der polnischen Vergangenheit so effektvoll und überzeugend in Szene gesetzt hat.

hr-iNFO

 

 

 

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