hr-iNFO Büchercheck: Der gefährlichste Ort der Welt von Lindsey Lee Johnson


Der gefährlichste Ort der Welt

Lindsey Lee Johnson hat mal Schülern Nachhilfe gegeben. Einem Interview zufolge dort, wo jetzt ihr erster Roman angesiedelt ist. Dieser Job ist die Brücke zu ihrem Roman. Er hat offenbar einen realen Hintergrund. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Mill Valley, ein Kleinstädtchen nördlich von San Francisco, wenige Kilometer von der Golden Gate Bridge entfernt. Eine wohlhabende Gegend. Geld, Häuser, Autos, Essen aus dem Biomarkt sind die Norm. Die Erwachsenen haben gute Jobs. Aber im Roman geht es um ihre Kinder. Das Besondere ist, dass diese Kinder asozial aufwachsen. Ihre Eltern kümmern sich nicht um sie. Meinen, die Kreditkarte reiche aus. Andere verstehen ihre Kinder einfach nicht. Narzissten, ohne Empathie. Dave ist eines dieser verunsicherten und gezeichneten Kinder:

„Seine Eltern wussten bestimmt, was richtig war. Mit dem Leben musste es irgendetwas auf sich haben, was er noch nicht ganz verstand: es musste irgendeinen Grund geben, warum das unscheinbare Leben, das er sich vorstellte, nicht in Ordnung war. Vielleicht stimmte es ja, dass Dave einfach noch nicht wusste, was er wollte und das Glück, das er ersehnte, sich ihm so lange entziehen würde, bis er lernte, von Höherem und Besserem zu träumen.“

Die Kinder hängen im Netz ab, hängen an oberflächlichen Reizen, an Konsum und Drogen, mobben sich. Vermeintliche Freundschaften von In-Groups halten die kleinsten Belastungstests nicht aus. Einer bringt sich um, andere geraten aus der Spur, wieder andere flüchten sich in gesellschaftliche Randgruppen. Der gefährlichste Ort ist einer, in dem die oberflächlich betrachtet hochattraktive Umgebung zu einer seelenlosen Hülle geworden ist und das Internet zur abgründigen Ersatzheimat. Am Ende ist es eine virale Kampfzone, in der sich die Kinder und Jugendlichen gnaden- und bedenkenlos fertig machen mit Fotos, Videos und Beschimpfungen. Schon eine Liebesoffenbarung kann in diesem Milieu eine Treibjagd in Gang setzen. Gerade erst erwachsen, sind sie alle schließlich vom Leben bereits gezeichnet.

Wie ist es geschrieben?
Johnson steigt direkt ein in ihre Geschichte, mit dem Selbstmord eines Achtklässlers, der in einem Schulaufsatz zuvor die ganze Tristesse unter der Dunstglocke seines Wohnorts beschreibt. Dann macht sie einen Zeitsprung von ein paar Jahren und erzählt, wie es mit den Überlebenden weiter geht, pro Kapitel eine andere Person. Das Besondere: Sie findet eine Sprache für diese Kinder und Jugendlichen. Das macht die Geschichte so realistisch.

Wie gefällt es?
Das Buch ist gut lesbar. Es ist spannend zu erfahren, wie sich die Charaktere entwickeln, wie der Tod des Mitschülers, den sie alle mitzuverantworten haben, ihr Leben beeinflusst. Und es ist schockierend zu lesen, wie sich eine Generation entwickeln kann, wenn ihr Leben von Internet und Konsum bestimmt wird und zu Hause keine Werte mehr vermittelt werden. Dass das manchmal ein wenig holzschnittartig ist – ok.

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