hr-iNFO-Büchercheck: Der Gott jenes Sommers von Ralf Rothmann


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Luisa ist 12. Sie lebt mit Mutter und einer ihrer Schwestern auf einem Landgut nahe Kiel. Ab und zu kommt auch der Vater vorbei. Er betreibt das Offizierskasino einer Marinekaserne in Kiel. Die Stadt selbst ist nahezu unbewohnbar, von britischen Bombern zerstört. Das Landgut gehört Luisas Schwager, einer SS-Größe. Aufgrund dieser Verwandtschaft geht es Luisas Familie deutlich besser als zum Beispiel den Flüchtlingen aus dem Osten, von denen Tag für Tag mehr kommen. Es sind die letzten Kriegswochen. Ralf Rothmann schildert sie aus Luisas Perspektive. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es herrscht Endzeitstimmung. Der Vater trinkt, die Mutter ist in sich versunken, die Schwester ist erotisch umtriebig und verflucht die Nazis, die andere Schwester ist Teil des Regimes. Luisa dagegen vergräbt sich in Bücher. Sie liest, was sie kriegen kann. Ein empathisches, etwas frühpubertäres Mädchen, das scharf beobachtet. Sie fragt sich, woher das Menschenhaar kommt, das die Perückenmacherin im Dorf verarbeitet. Sie stromert im Gelände rum und macht auch vor dem Zaun des Zwangsarbeiterlagers nicht halt. Und sie horcht, wenn die Flüchtlingsfrauen von ihren Erlebnissen berichten.
“Wenn wir den Krieg verloren haben und die asiatischen Horden kommen“, sagte sie beiläufig, „erschießen sie übrigens die Kapitalisten. Das hat mir eine Flüchtlingsfrau aus Schlesien erzählt, die hatte noch Blut am Schuh. Und wir werden brutal vergewaltigt – Mama, Gudrun, Billie, alle. Zerkratzt euch schon mal den Mund, dann denken die, ihr habt Syphilis, und lassen euch vielleicht in Frieden.“
Tag für Tag reichert sich Luisas Leben mit Erfahrenem und Erlebtem an: Hass und Mordlust der untergehenden Nazischergen, die Not der Flüchtlinge, die Depression und Angst der Zivilbevölkerung. Und sie erleidet tiefe persönliche Einschläge. Sie wird zum Missbrauchsopfer ihres Schwagers. Sie erkrankt an Typhus und überlebt gerade so. Ihr Vater erhängt sich oder wird vielleicht auch erhängt. Am Ende will Luisa ins Kloster. Einer Nonne sagt sie: “Ich habe alles erlebt“.

Wie ist es geschrieben?
Rothmann erzählt chronologisch aus dem Erleben Luisas. In einer zweiten Erzählebene lässt er eine fiktive Chronik des 30jährigen Krieges einfließen. So macht er das Leiden, das Grauen, die Unmenschlichkeit des Krieges als immer wieder kehrenden Faktor des Lebens deutlich. Er schreibt nicht analytisch, sondern eher reportagehaft. Er folgt den Beobachtungen seiner Heldin, und erzeugt dabei starke Bilder. Aber: diese Zwölfjährige ist mit viel Wissen oder zumindest Gespür für historische Wahrheiten ausgestattet. Das ist dann eher die Perspektive des Autors als die des jungen Mädchens.

Wie gefällt es?
Ja, die Figur des Mädchens und die Spiegelung des Themas Krieg in der barocken Chronik sind konstruiert. Auch erfährt man nichts Neues über diese Zeit, wenn man sich vorher schon mal damit befasst hat. Und doch ein unterhaltendes, auch anregendes und durch seine Bildsprache nachhaltiges Buch.

 

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