hr-iNFO Büchercheck: Der Platz an der Sonne von Christian Torkler


Christian Torkler

Globale Migration, nur umgekehrt: Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es in Torklers Romanwelt noch einen Dritten Weltkrieg. Deutschland ist mehrfach zerteilt, Berlin eine ruinöse Stadt und wird von einer kleptokratischen Dikatur regiert. Herrscher über die Welt sind die Afrikaner, Bongos nennt sie der Volksmund. Sie haben das Geld, die Technologie, die Kultur. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Brenner macht alles durch, was Menschen in autoritären und verarmten Ländern so durchmachen. Mangel und Ausbeutung bestimmen das Leben, Bürokratie dient der Machtausübung der Herrschenden und der Selbstbereicherung der Bürokraten.

„Die Hauptstraßen dort sind im Sommer staubig und verdreckt, im Herbst werden daraus Modderpisten mit Müll zu beiden Seiten. Die Nebenstraßen sind so ausgefahren, dass man mit einem normalen Wagen nicht durchkommt. Es gibt keinen Strom und Wasserhähne nur an den Ecken, wenn überhaupt. Der Abfall wird verbrannt oder hinter die Hütte geschmissen. Am Wegesrand schwappt eine üble Brühe vor sich hin und verpestet die Luft.“

Aufstände werden brachial niedergeschlagen oder bringen nur das nächste Regime an die Macht. Wer mutig genug ist, versucht abzuhauen. Der legendenumwobene Platz an der Sonne im fernen Afrika ist ein zu starker Magnet, als dass die Mühen und Gefahren der Flucht und der Verlust der Heimat sie zurückhalten könnte. Man kennt das. Nur andersrum. Und so flieht das Stehaufmännchen Brenner nach vielen vergeblichen Anläufen, sein Leben in der Heimat zu verbessern, und erlebt alles das, was Flüchtlinge heutzutage erleben.

Wie ist es geschrieben?
Torkler lässt Brenner seine Geschichte aus dessen Perspektive erzählen. Er sitzt im Abschiebeknast und schreibt in Hefte, die ihm der Pfarrer bringt. Die Perspektive bestimmt die Sprache. Brenner spricht im lakonischen, umgangssprachlichen Ton des kleinen Mannes und mit dessen Vokabular: Jargon und Spruchweisheiten. Manchmal hat das Witz. Auch die gedankliche Struktur des Protagonisten ist eine sehr direkte. Sie folgt und bleibt bei den Ereignissen. Das sorgt für Leichtigkeit, auch beim Lesen.

Wie gefällt es?
Ich finde, diesem Roman fehlt einiges. Zum Beispiel eine Erklärung, warum Afrika so reich geworden ist und die Welt dominieren kann. Und kann man sich die Welt und das eigene Schicksal nur mit Spruchweisheiten erklären? Das Buch bietet keine Alternativen zur Migration und zum Umgang mit Migranten an. Aber: dieser Roman hat eine große Unterhaltungskraft. Und die Umdrehung der Verhältnisse liefert eine Grundlage für Empathie beim Leser: Aus der Perspektive der eigenen Leute das Erleben der Anderen nachzuempfinden. Ich finde, das ist in einer Zeit gesellschaftlicher Spaltung schon viel.

hr-iNFO

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