hr-iNFO Büchercheck: Der Riss von Carlos Spottorno & Guillermo Abril


Der Riss

Auf der einen Seite: teure Grenzzäune, modernste Technik, Schiffe, Flugzeuge und enormer Personalaufwand. – Auf der anderen Seite: Menschen, die auf der Flucht sind, die Wohlstand oder einfach nur Sicherheit suchen. Das ist „Der Riss“, den die EU-Außengrenze markiert. Und der Fotograf Carlos Spottorno und der Journalist Guillermo Abril haben ihn eingefangen – in Fotografien und Texten, die Hintergrundinformationen, Statistiken und reflektierende Kommentare liefern. hr-iNFO-Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Spottorno und Abril sind von Melilla, der spanischen Enklave in Marokko, in den Norden Finnlands gereist – ab 2013 über drei Jahre hinweg, von der Süd- bis an die Nordgrenze der EU. Sie waren unter anderem im größten permanenten Flüchtlingslager auf Sizilien – und waren bei einer Seenotrettung von 200 Flüchtlingen im Mittelmeer dabei.
Spottorno und Abril verlieren sich nicht in Einzelschicksalen, sondern zeigen auf, wie das Grenzregime Europas organisiert ist und wie es als großes, umfassendes System funktioniert. Sie verknüpfen die vielen Meldungen, die wir aus den Nachrichten kennen, und zeichnen ein dichtes Bild vom großen Ganzen: von einem Europa, das in einer tiefen Krise steckt, das inzwischen selbst von vielen feinen „Rissen“ durchzogen ist – verursacht von nationalistischen und populistischen Tendenzen.

Wie ist es geschrieben?
Die Machart ist ungewöhnlich und irritiert. Denn in dieser vermeintlichen „Graphic Novel“ wurde nicht ein einziger Strich gezeichnet. Spottorno hat seine Fotografien statt dessen kräftig eingefärbt und die Konturen verstärkt, so dass die Fotos aussehen wie Zeichnungen. Viele Bilder gehen einem nicht mehr aus dem Kopf: das syrische Mädchen z.B., das gerade aus dem Flüchtlingsboot gehoben wird, der junge senegalesische Mann, der seit Jahren im selbstgenähten Planen-Zelt lebt, oder die Soldaten der finnischen Grenzschutztruppe, denen bei Minus 30 Grad der Atem gefriert. Finnland verzeichnete durch die Flüchtlingskrise einen Bevölkerungszuwachs von mehr als 800%.

„Eine afghanische Familie und zwei Kameruner sind dicht gedrängt in einem Lada angekommen. Es sind seltsame Reisegefährten. Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen, so will es das europäische Recht. Sie lassen sich vor der Grenze fotografieren. Ihre Gesichter, die warme Kleidung, der Koffer und der Schnee um sie herum sprechen für sich. Es ist, als schaue man in einen Spiegel. Wer sie anblickt, sieht in Wirklichkeit die Welt, die wir sind.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch geht an die Nieren. An ihren Stationen entlang der EU-Grenze stoßen Spottorno und Abril immer wieder auf die „europäische Schizophrenie“ – unser moralisches Dilemma: zwischen Abschottungspolitik und Menschlichkeit. Ein Buch, das man sich anschauen sollte. Vielleicht gerade dann, wenn man denkt, das man in den Nachrichten schon alles gesehen hat.

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