hr-iNFO Büchercheck: Die blaue Gitarre von John Banville


Die blaue Gitarre

Oliver Orme ist eine bizarre Existenz. Er war Maler, ist aber an seinem Anspruch, das Wesen der Welt zu malen, gescheitert. Er hatte eine Familie. Aber seine Tochter ist gestorben, und seine Frau hat er verloren, weil er sie betrogen hat. Mit seiner Freundin klappt es auch nicht. Er hatte sie einem Freund ausgespannt. Überhaupt ist er Kleptomane. Nichts ist vor ihm sicher. Das Klauen hat für ihn eine erotische Dimension. Wie gesagt, ein bizarrer Typ. Eigentlich scheitert er immer an der Realität. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es geht wie so oft in John Banvilles Romanen um Schein und Sein, um Realität und Fiktion, um das Trügerische in der Welt. Was ist echt, was ist Täuschung? So ist es auch bei Oliver Orme. Sein Selbstbild und die Wirklichkeit, die Innen- und die Außenwelt passen nie zusammen. Er ist ein Egoist, wenn nicht ein Narzisst. Er ist hocheloquent. Daher gelingt ihm der Selbstbetrug so gut. Er kann sich gut rausreden. Man muss ihm, dem Ich-Erzähler, eine Weile folgen, um dann Seite um Seite seine Bodenlosigkeit zu erkennen und am Ende seine Lächerlichkeit. Er, der meinte mit seiner Kunst den Durchblick auf den Kern der Welt zu schaffen, hat gar nichts begriffen. Er hat sich als Opfer stilisiert und war doch immer Täter.

Wie ist es geschrieben?
Wenn dieser gescheiterte Ich-Erzähler sein wahres Wesen hinter einer glitzernden Sprache verbergen kann, dann liegt das am Autor, der ihm diese Sprache verleiht. John Banville ist ein Wortkünstler. Bestechend eloquent, geradezu artistisch und elegant, bildmächtig. Mit wenigen Sätzen baut er gewaltige Stimmungen auf. Zum Beispiel, wenn er seinen Protagonisten einen Traum erzählen lässt.

„Ein Sturm zog auf, und vom dem Fenster unten im Parterre sah ich eine unglaubliche hohe Flut heranrollen; die riesigen Wellen, schwerfällig von der Last des aufgewühlten Sandes, überstürzten sich in ihrem wilden Drang, das Ufer zu gewinnen, und warfen sich krachend gegen die niedrige Kaimauer. Ihre Kämme waren von schmutzig weißem Gischt gekrönt, und ihre tief gekehlten, glatten Unterseiten hatten einen glasig-bösen Glanz. Sie sahen aus wie wetteifernde Hundemeuten, die eine nach der anderen angerast kamen, wutschnaubend, mit weit aufgerissenem Rachen, wie toll, und immer wieder und mit voller Wucht zurückgeschleudert wurden in die Fluten(…..) Ich frage mich, was das alles zu bedeuten hat und warum mich dieser Traum verfolgt, seit ich im Morgengrauen schweißgebadet daraus hochgefahren bin. Ich mag solche Träume nicht, solche wirren, bedrohlichen, bedeutungsschwangeren Träume voll unerklärlichen Zeichen.“

Wie gefällt es?
„Die blaue Gitarre“ ist ein ausgesprochen künstlerisches Buch. Es hat keine spannende Handlung. Ich glaube,man muss es sich erschließen. Mir ist das über die Sprache John Banvilles und die gekonnte Übersetzung gelungen. Es ist ein Buch für stille Winterabende, aber kein Schmöker, sondern ein Buch zum Genießen für Leser mit Lust auf kunstvolle Sprache.

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