hr-iNFO Büchercheck: Die Frau, die liebte von Janet Lewis


Die Frau die liebte

Es geht um einen Kriminalfall aus dem 16. Jahrhundert. In Südfrankreich war der Bauer und Familienvater Martin Guerre plötzlich verschwunden. Jahre später tauchte er scheinbar wieder auf. Tatsächlich jedoch war es ein Betrüger, der sich da als Martin Guerre ausgab. Dieser historische Kriminalfall hat schon den Stoff für einige Bücher und Filme geliefert. Auch die Amerikanerin Janet Lewis hat sich in ihrem Roman „The wife of Martin Guerre“ mit diesem Thema beschäftigt, der jetzt auf Deutsch erschienen ist unter dem Titel „Die Frau, die liebte“. hr-iNFO-Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Andere Erzähler hätten aus diesem gut dokumentierten juristischen Fall sicherlich einen dicken Schmöker gemacht. Janet Lewis aber erzählt auf nur knapp 150 Seiten sozusagen die „Rückseite“ der dramatischen Geschichte. Sie stellt Martin Guerres Frau Bertrande in den Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht berichtet sie von Martins Verschwinden, seinem überraschenden Wiederauftauchen nach 8 Jahren, von glücklichen Jahren und aufkommendem Misstrauen dem Hochstapler gegenüber. Und dann von dem nervenaufreibenden Prozess mit unzähligen Zeugen, der auch noch in die Berufung ging, bis der echte Martin Guerre plötzlich auftauchte und der Falsche zum Tode verurteilt wurde.

Wie ist es geschrieben?
Janet Lewis erzählt sehr genau und einfühlsam von Bertrandes tiefer Verunsicherung dem zurückgekehrten Mann gegenüber– aber niemals rührselig. Wie dieser Roman überhaupt nie pathetisch wird, sondern in einer klaren, konturierten Sprache geschrieben ist. Mit liebevoll-detailreichen Schilderungen von Menschen oder der kargen südfranzösischen Landschaft, aber nie überschwänglich. Hier wird eine große historische Betrugs- und Gerichtsgeschichte in ihrer ganzen psychologischen Tiefe und Komplexität begreifbar. Wie in der folgenden Szene, Bertrande betritt das Gerichtsgebäude:

„Kann ich mich denn irren?“ fragte sie sich abermals, als sie die Steinstufen erklomm. Vor dieses Tribunal von Toulouse zu treten besaß für sie Endgültigkeit. Es gäbe keine Möglichkeit, gegen die Entscheidung Einspruch zu erheben. Der richterliche Entschluss erwartete sie dort, hinter den geschlossenen Türen, und hatte etwas von Untergang an sich. Mit einem Mal wich alles Selbstvertrauen von ihr, und Entsetzen überflutete sie.“

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman fasziniert gelesen! Wegen seiner so sensiblen, eindringlichen Sprache, und wegen eines Themas, das überholt zu sein scheint und doch so aktuell ist. Denn gibt es nicht auch heute wieder unter den Immigranten zigtausende von Menschen, deren Identität wir nicht kennen? Die sich vielleicht fälschlicherweise ausgeben als Brüder oder Ehemänner? Oder umgekehrt wirklich Brüder oder Ehemänner sind, aber nicht mehr erkannt werden nach acht Jahren Krieg? Und: Sind die Fragen, inwieweit wir lieber unserem Gefühl vertrauen oder unserem Verstand, welchen Betrug wir verzeihen können oder nicht und ob es nicht auch gute Betrüger gibt, nicht eine ganz existentielle? Ich finde: Ja!!

hr-iNFO

 

 

 

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