hr-iNFO Büchercheck: Die Hungrigen und die Satten von Timur Vernes


Timur Vernes

Timur Vermes hat mit seiner Hitler-Satire „Er ist wieder da“ einen der erfolgreichsten Romane der letzten Zeit geschrieben – sechs Jahre später setzt er jetzt nach mit „Die „Hungrigen und die Satten“.
hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Die Hungrigen und die Satten“ beginnt als Satire. Der Privatsender MyTV kommt auf grandiose Idee, seine Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch auf Realityshow-Tour in das größte Flüchtlingslager der Welt irgendwo in Afrika zu schicken. Und das Konzept geht auf: „Engel im Elend“, so heißt die Show, wird zum Quotenhit. Aber irgendwann geben sich die afrikanischen Flüchtlinge nicht mehr zufrieden damit, für deutsche Kameras die eigene Ausweglosigkeit in Szene zu setzen; irgendwann kommen sie auf die Idee, sich auf den Weg Richtung Europa zu machen, so dass sich plötzlich 150.000 Menschen im Anmarsch auf die Festung Europa befinden.

Wie ist es geschrieben?
Solange der Roman satirisch sein will, ist er nicht besonders subtil.
Auf einem ganz anderen Register spielt Timur Vermes dann aber, wenn es ihm um die Frage geht, wie die deutsche Politik auf die Flüchtlingskrise reagieren soll. Dann wird aus der Satire plötzlich ein ernstzunehmender Politthriller; dann wird nämlich selbst dem CSU-Innenmininster schlagartig klar, dass es eigentlich keine Option ist, die Flüchtlinge mit Gewalt von der Grenze fernzuhalten:
„Als 2013 die Leichen durchs Mittelmeer trieben, da haben wir uns bereits der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Doch wer gibt das zu? Also haben Leute, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben, angefangen, sich zu Opfern umzulügen. Dieser erste Rechtsruck war unsere Reaktion auf Tote, die noch zweitausend Kilometer weg waren. Was glauben Sie, was wir für einen Rechtsruck kriegen, wenn es um den Massenmord vor unserer Haustür geht?“

Wie gefällt es?
Als Satire hat mich der Roman ziemlich enttäuscht – das ist mir alles zu klischeehaft und zu vorhersehbar. Das Gedankenexperiment als solches aber, die Frage, was denn passiert, wenn Flüchtlinge sich in einer konzertierten Aktion Richtung Grenze aufmachen – das ist dann doch wieder packend erzählt. Weil Vermes so unerbittlich durchspielt, vor welchen Entscheidungen die wohlhabenden Gesellschaften demnächst stehen werden. und welche moralischen Kosten damit verbunden sein werden. Da wird aus der Satire dann plötzlich eine mitreißende Tragödie. Ab ungefähr der Hälfte wird „Die Hungrigen und die Satten“ zu einem wirklich hellsichtigen Roman über unsere unmittelbare Gegenwart.

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