hr-iNFO Büchercheck: Die rothaarige Frau von Orhan Pamuk


Die rothaarige Frau Cover

Eine offene Abrechnung mit dem System Erdogan ist dieses Buch nicht. Pamuk ist Literat, nicht Politiker. Wenn er kämpft, dann mit dem Florett, nicht mit dem Schwert. Doch schon den Titel, kann man als libertäre Kampfansage verstehen. Rot gefärbtes Haar offen zu tragen, deutlicher kann man kaum gegen Kopftuch und Ähnliches opponieren. Die Konfrontation von Freiheit und Bevormundung, von Individualismus und Religion zieht sich durch den ganzen Roman. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Buch beginnt in den 80er Jahren. Cem möchte studieren. Dafür braucht er Geld. Sein Vater, Apotheker und linker Aktivist, hat die Familie wegen einer anderen Frau verlassen. Cem verdingt sich bei einem Brunnenbauer. Nachdem er seine erste Liebesnacht verbracht hat, mit einer rothaarigen Schauspielerin, fällt Cem der Eimer runter und dem Brunnenbauer auf den Kopf. Cem haut einfach ab. Denkt, der Meister sei tot. Er studiert, heiratet. Die Ehe bleibt kinderlos. Aber das Paar ist wirtschaftlich erfolgreich, gründet eine Immobilienfirma, die auch dank korrupter Politiker floriert. Die Firma kauft auch das Gelände, wo 30 Jahre zuvor der Brunnenbau stattfand, und will es bebauen. Aus dem Dorf ist längst ein Teil Istanbuls geworden. Eine völlig neue, zubetonierte Welt. Cem trifft die rothaarige Frau wieder, die sich als Geliebte seines Vaters entpuppt. Und er stößt auf seinen unbekannten Sohn, Ergebnis der damaligen Liebesnacht. Keine glückliche Beziehung. Der Sohn hat völlig andere Ideale als der Vater.

„Mit ihrem Individualismusfimmel sind unsere Eliten weder Individuen geworden noch sonst etwas Eigenständiges. Weil sie sich für etwas Besonderes halten, glauben sie nicht an Gott. Für sie ist das ein Beweis dafür, dass sie nicht sind wie die anderen. Nur sagen sie das nicht so. Im Glauben dagegen steckt, dass man genauso ist wie alle anderen. Die Religion ist das Paradies und der Trost aller Bescheidenen.“

Wie ist es geschrieben?
Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Brunnenbaugeschichte. In poetisch dichten Bildern kristallisiert er den Wertekanon einer untergegangenen Zeit heraus. Im zweiten geht es, dreißig Jahre später, um den rasanten Wandel des Landes und seiner Sitten. Im dritten Teil wird die Geschichte aus der Perspektive der rothaarigen Frau erzählt und in die Gegenwart der Türkei eingebettet. Die Teile haben ein gemeinsames Thema: den Vater-Sohn Konflikt. Pamuk lässt ihn schicksalhaft erscheinen, unausweichlich. Mal tötet der Sohn den Vater, mal der Vater den Sohn. Man darf das wohl als Parabel auf die Zustände in der Türkei heute verstehen: Erdogan und Atatürk, Religion und Aufklärung, Tradition und Fortschritt.

Wie gefällt es?
Pamuk ist ein großartiger Erzähler. Beobachtend, reichhaltig, sinnlich. Er verknüpft Realität und Mythen, macht die Wurzeln der Gegenwart im Archaischen deutlich. Er bezieht nicht offen Position. Aber die kunstvollen Verknüpfungen geben Spielraum für manche Interpretation. Großartig.

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