hr-iNFO-Büchercheck: Die Zeit der Ruhelosen von Karine Tuil


Karine Tuil

Es herrscht Krieg in Karine Tuils Roman. Wortwörtlich und im übertragenen Sinn: „Die Zeit der Ruhelosen“ erzählt von Gewalt – in Afghanistan, in der französischen Gesellschaft und in der intimen Paarbeziehung. – Die einstige Grande Nation ist tief gespalten, eine verkrustete Klassengesellschaft, in der jeder seine Ellenbogen einsetzen muss, um nicht unterzugehen. Und in der keiner seiner Herkunft entkommen kann. hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Um vier Hauptfiguren, deren Lebenswege sich früher oder später kreuzen.
Da ist Romain, ein junger Mann aus der Banlieue, der seine einzige Perspektive im Militärdienst sah, und der jetzt traumatisiert aus Afghanistan zurückkehrt.
Da ist François, ein Aristokrat und milliardenschwerer Unternehmer, dem plötzlich seine jüdische Herkunft zum Verhängnis wird – obwohl er seine Religion überhaupt nicht lebt.
Da ist Marion, die engagierte Journalistin, die – wie schon früher als Pflegekind – noch heute gerne provoziert und sich quer stellt. Und dann ist da noch Osman. Seine Eltern stammen von der Elfenbeinküste, er selbst ist gebürtiger Franzose. Er hat es weit gebracht: bis in den Elysee-Palast, als Berater des Präsidenten.

„Osman übte eine unglaubliche Anziehungskraft aus. (…) Er trug dunkle Anzüge von lässiger Eleganz und kaschierte so die Unerbittlichkeit, mit der er seine Ziele verfolgte, die da lauteten: die Konkurrenz ausschalten, Siege erringen, Kämpfe bestehen, sich immer höher hangeln.“

Doch Osman stürzt tief – und muss sich eingestehen, dass er bloß der schwarze Vorzeigemigrant der Regierung war. Dass er nie wirklich dazu gehören wird, weil er nicht die Elite-Hochschulen der Mächtigen besucht hat.

Wie ist es geschrieben?
Karine Tuils seitenstarker Roman – 512 sind es – erinnerte mich ein wenig an Jonathan Franzens große Gesellschaftsromane. Die kurzen Kapitel sind schnell montiert, der Aufbau ist komplex, die Wege der verschiedenen Figuren sind elegant miteinander verwoben. Der Tonfall ist locker, lässig, mündlich. Humor spielt bei Tuil aber keine so große Rolle. Manchmal fehlte mir der entlastende Lacher. Dafür hat Karine Tuil die Milieus verblüffend kenntnisreich und realistisch gestaltet. Das ist besonders spannend, wenn es um die Banlieues und die gescheiterte Integration in Frankreich geht. Karine Tuil zeichnet ihre Figuren überzeugend plastisch und einfühlsam. Man kann ihnen verdammt nahe kommen – und leidet dafür umso mehr bei ihrem Absturz.

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman verschlungen! Wer verstehen will, wie es um die französische Gesellschaft heute steht, der kommt um „Die Zeit der Ruhelosen“ nicht herum. Aber Achtung: Die Lektüre macht nicht nur schlauer, sondern auch ganz schön melancholisch.

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