hr-iNFO Büchercheck: Ein Kleid aus Tinte und Papier von Claire Gondor


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Weiches Herbstlicht, rotes Laub, ein Kanal, ein leer stehendes Haus, eine junge Frau und ein Hochzeitsfotograf, der Bilder von ihr macht. So beginnt der Roman. Die Frau trägt Pumps, ein Kleid, an der Taille eng, blütenförmig bis zu den Knien ausgestellt. Sie ist sorgfältig geschminkt. Eine Idylle, möchte man meinen. Und doch hat die Szene einen doppelten Boden. Wo ist der Bräutigam? hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Claire Gondor erzählt die Geschichte einer großen Liebe und Leidenschaft. Leïla heißt die Frau, ihr Geliebter Dan. Als Kind ist sie mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Frankreich gekommen. Von ihrer Mutter stammen ihre Fertigkeiten an der Nähmaschine. Die braucht sie, denn sie näht sich ihr Hochzeitskleid aus den Briefen Dans. 56 sind es. Er schreibt von seiner Liebe, seiner Leidenschaft, seinen Erlebnissen. Denn Dan ist offensichtlich in einem Auslandseinsatz im Sudan. Mit jedem Brief wächst Leïlas Kleid und unser Verständnis der Geschichte. Denn mit jedem Brief erinnert Leïla Episoden ihrer Liebe zu Dan. Und jeder Brief erhält eine besondere Stelle im Kleid und damit am Körper. Aber mit jedem Brief wächst auch die Ahnung: da muss etwas passiert sein. Das Kleid ist eben auch eine Skulptur der Trauer.

„Sie nahm das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie konnte nicht widerstehen, die Worte immer wieder zu lesen, wieder und wieder, unendlich oft. Worte der Erinnerung an ihre so unbeschwerte Vergangenheit, an ihre glücklichen Umarmungen: ihm noch ein bisschen nahe sein, um das Verlorene fortbestehen zu lassen. So wie man sich hin und her wiegt, um einen beißenden Schmerz zu beruhigen und wieder Kraft zu schöpfen. Wärme tanken, um die Nacht besser durchzustehen.“
Aber warum ging diese Liebe zu Ende? Der letzte Brief, den Leïla in die Hand nimmt, ist nicht von Dan, sondern von einer Behörde und hat ein DIN-A4-Format. Sie näht ihn nicht ins Kleid sondern wirft ihn in den Kanal. Da ist klar, was passiert ist.

Wie ist es geschrieben?
Jedes Kapitel kreist um einen anderen Brief, bietet eine neue Geschichte in der Geschichte. Die Erinnerungen an den Geliebten und die Geschichten ihrer Familie fließen ineinander. Die gemeinsame Achse, das Verbindende ist die Empfindsamkeit Leïlas. Gondor lässt sie in wirkungsstarken Bildern aufblühen. Ein poetischer Grundton durchwirkt das Buch so wie die Fäden der Erinnerung das Kleid. Und gleichzeitig folgt das Buch einer fesselnden Spannungsdramaturgie. Von Kapitel zu Kapitel steuert die Geschichte auf eine Aufklärung zu. Und selbst für den Paukenschlag zum Finale findet Gondor noch ein poetisches Bild. Dramatisch und schön zugleich.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Ein Kleid aus Tinte und Papier“ ist ein sehr schönes Buch. Eine ergreifende Geschichte großartig erzählt. Sie bewegt, und sie ist spannend. Und das auf hundert Seiten in einem schönen Einband, der diesem gelungenen Stück Poesie einen angemessenen Ort bietet. Ein Vergnügen.

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