hr-iNFO-Büchercheck: Fast eine Familie von Bill Clegg


Cover Fast eine Familie

„Fast eine Familie“ heißt der Debütroman des 47-jährigen amerikanischen Autors Bill Clegg. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist dieser Bill Clegg ein renommierter New Yorker Literaturagent. Er weiß also mutmaßlich, was einen guten Roman ausmacht. hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Am Anfang dieses Romans steht die Katastrophe – eine Explosion, die ein ganzes Haus zerstört und vier Menschen in den Tod reißt. Es ist das Sommerhaus einer New Yorker Kunstagentin, deren Tochter dort am nächsten Morgen heiraten sollte. Die Tochter und der Bräutigam gehören zu den Opfern, ebenso der Exmann und ihr Geliebter – June, jene Kunstagentin, ist vollkommen verstört, setzt sich in das Auto des Brautpaars und fährt los, immer weiter – bis sie im Auto irgendwann die Tagebücher ihrer Tochter entdeckt und sich von denen quer durch die USA leiten lässt, auf einer Art Trauerreise.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird aus elf verschiedenen Perspektiven, mit den Stimmen von elf Menschen, von denen jeder in einer Beziehung zu den vier Todesopfern stand – und aus diesen Erzählungen setzt sich nach und nach die Geschichte dieser Katastrophe zusammen – wobei nicht nur erzählt, wie es zu dieser Explosion gekommen ist – es gibt da auch einen Schuldigen, aber das Faszinierende und Wunderbare dieses Buches ist, dass aus der Frage nach der Schuld die Frage danach wird, was die Menschen trennt und was sie trotz aller Spannungen und aller Unterschiede miteinander verbindet. Mit jeder neuen Stimme, mit jeder neuen Perspektive verändern sich die Figuren, verschiebt sich – wie in einem Kaleidoskop unser Bild dieser amerikanischen Gesellschaft, die June, die Kunstagentin von Ost nach West durchfährt, bis sie am Schluss an der Pazifikküste zur Ruhe kommt – was Bill Clegg in ein letztes großartiges Bild der Entspannung fasst:

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone Motels wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“

Wie gefällt es?
Der Roman entwickelt einen Sog, obwohl oder gerade weil er so unspektakulär und ganz nah bei den Figuren bleibt. „Fast eine Familie“ ist auf den ersten Blick kein politischer Roman, sondern ein Roman, der nur im Privaten spielt – aber dieses Private erweist sich als äußerst politisch. Dieser Roman zeigt ein Amerika, in dem sich Menschen umeinander kümmern, ein Amerika, in dem Menschen trotz aller Unterschiede für einander da sind, die sich unterstützen, ihre Differenzen überwinden, um das, was in Trümmern liegt, wieder aufzubauen. Das ist rührend ohne kitschig zu sein, das ist intensiv ohne pathetisch zu werden, und es ist so ganz anders als das grelle Bild eines lauten und rücksichtslosen Amerika, das derzeit Konjunktur zu haben scheint. Insofern ist „Fast eine Familie“ auch ein Anti-Trump-Roman und zwar ein sehr guter.

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