hr-iNFO Büchercheck: Hand aufs Herz von Leila Slimani


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Schwitzende Körper. Leidenschaft und Hingabe. – All das findet hier nicht statt. Die marokkanische Gesellschaft spricht nicht über Sex. Ist aber angeblich der fünftgrößte Konsument von Pornos. hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Leila Slimani versammelt in „Hand aufs Herz“ erschütternd ehrliche Erfahrungsberichte.
Emotional und nah bei ihren Protagonistinnen enthüllt Slimani die Strukturen einer Gesellschaft, in der das Ansehen bei den Anderen über allem steht. Es ist ein scheinheiliges System aus bigotter Prüderie, das mit dem Konzept der „Scham“ nicht nur Frauen, sondern auch Männer von klein auf indoktriniert und zu Gefangenen ihrer eigenen, vermeintlich „schlechten“, körperlichen und seelischen Bedürfnisse macht. Selbst Nähe, Zärtlichkeit – Fehlanzeige! Sex vor der Ehe ist in Marokko per Gesetz verboten.
Aber es gibt auch sie: starke Frauen, die sich der Mehrheitsgesellschaft entgegen stellen.
Nour zum Beispiel, die sich gegen’s Heiraten entschieden hat und den schiefen Blicken stand hält. Und die sich ihre Freiheit nimmt – die uns so selbstverständlich erscheint.
N: „Eines Abends in einer Disko, passierte etwas völlig Außergewöhnliches.
Ich sagte zu meinen Freundinnen: ‘Heute werde ich ein Typ sein! – Ohne Witz, ich muss es machen!’ Ich sah einen Jungen der mir gefiel. – Ich hatte Lust auf ihn und er auf mich. Ich erinnere mich sehr gern daran zurück.“
S: „Sehen Sie ihre Freundinnen von damals noch?“
N: „Oh ja, oft! Gerade vor zwei Wochen habe ich Mailka besucht.“
S: „Hat sie geheiratet?“
N: „Nein, sie ist auch alleinstehend. Wir sind der Club der Singles.“
Wie ist es geschrieben?
Leila Slimani will das Schweigen der bigotten marokkanischen „Schweigegesellschaft“ brechen. In ihrem Comic prangert sie nicht nur die Verhältnisse an, sondern gibt auch – differenziert und behutsam – wieder, was die Frauen in diesem System tatsächlich fühlen, und welche cleveren, individuellen Lösungsstrategien sie teilweise entwickelt haben, um sich ihre Freiheit und Achtung zu erkämpfen. Die Zeichnerin Laetitia Coryn hat dem Ganzen eine Form gegeben, die der Intimität des Inhalts absolut gerecht wird.

Wie gefällt es?
Vieles in „Hand aufs Herz“ hat die Klischees, die ich von den Zuständen und Geschlechterverhältnissen der marokkanischen Gesellschaft im Kopf hatte, bestätigt – oder erschreckender Weise sogar noch getoppt.
Andererseits hat auch Vieles mich überrascht, mir imponiert, mein Mitgefühl herausgefordert. – Und ich habe besser verstanden, warum diese Gesellschaft so tickt, wie sie es tut. – Wie hier so leicht nach dem Arabischen Frühling wieder eine Re-Islamisierung Einzug halten kann.
Dieser Comic ist ein starkes Plädoyer für mehr Emanzipation – sexuelle, emotionale und gesellschaftliche Emanzipation – und damit vielleicht auch irgendwann politische.
Ein Buch, dass ich jedem „ans Herz legen“ möchte, der verstehen will, wie elementar wichtig persönliche Freiheit und das Recht auf Intimität sind.

hr-iNFO

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