hr-iNFO Büchercheck: Ikarien von Uwe Timm


Ikarien

Uwe Timm ist ein Schriftsteller, der die Untersuchung der deutschen Vergangenheit immer wieder mit der Erkundung der eigenen Familiengeschichte verbindet. So auch in seinem neusten Roman „Ikarien“. hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
In „Ikarien“ rekonstruiert Uwe Timm die Geschichte von Alfred Ploetz, dem Großvater von Uwe Timms Ehefrau. Er war Mediziner und im 19. Jahrhundert zunächst ein begeisterter Sozialutopist. Als solcher besuchte er die sogenannten „Ikarier“, eine Kommune im amerikanischen Iowa. Wieder in Deutschland wandte sich Plötz der Rassenforschung zu und wurde schließlich zum Stichwortgeber für den Massenmord der Nazis an Kranken und Behinderten im Namen der sogenannten Rassenhygiene. Was lässt einen Idealisten und Utopisten zum furchtbaren Mediziner werden, an welchen Punkt schlägt Idealismus in Menschenverachtung um – das sind die Leitfragen dieses Romans.

Wie ist es geschrieben?
Uwe Timm erzählt aus der unmittelbaren Nachkriegsperspektive, er erzählt aus der Sicht eines jungen deutschstämmigen US-Soldaten, der den Auftrag erhält, im zerstörten Deutschland die Forschungsergebnisse des Eugenikers Ploetz zu sichern. Diese Figur des Michael Hansen – wie er heißt – erlaubt es Uwe Timm, die Geschichte in klar konturierten, spannungsvollen Gegensatzpaaren zu erzählen – da ist sein Freund George, der sich bald auf das Beobachten von Vögeln beschränkt und deren Vielfalt als Gegenentwurf zum Einheitsdenken der Nazis begreift. Und da ist Wagner, der ehemalige Weggefährte von Ploetz, der zum überzeugten Sozialisten wurde und die Alternative zu NS-Ideologie vom Recht des Stärkeren so formuliert:

„Nein, es sind gerade die Schwachen, die von der Unvollkommenheit wissen, es sind die Schwachen, die in sich die Hoffnung tragen, dass die dumpfe, vor Kraft und Blut dampfende Natur nicht im Recht ist. … Es sind nicht die in Saft und Kraft Stehenden, sondern die Verstümmelten, die an sich und dieser Welt Leidenden, die das Licht der Erkenntnis mit sich tragen. Die Schwachen sind die Starken, weil sie nach Gerechtigkeit verlangen.“

Wie gefällt es?
Ikarien ist ein Roman, den ich mit großer Spannung und teilweise auch mit Bestürzung gelesen. Zu erfahren, mit welcher Überzeugung sich Mediziner gegen jedes Mitleid immunisiert haben, wie sie Kinder und Hilfsbedürftige im Dienste einer Ideologie ermorden ließen und auch nach dem Kriegsende teilweise immer noch der Euthanasie das Wort redeten, ist schockierend. Teilweise war mir dabei die Gegenüberstellung von Gut und Böse allerdings zu schematisch.
Und trotzdem, es ist ein Buch, das genau zeigt, wie eine Einstellung, die nur das Wohl des Volkes und nicht das Schicksale der Einzelnen im Blick hat, zwangsläufig in die Unmenschlichkeit führt. Insofern auch ein Buch, das sehr aktuell ist und dem ich viele Leser wünsche.

hr-iNFO-408x180

Diesen Beitrag kommentieren

Bitte geben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag ein.

Jeden Donnerstag auf hr-iNFO:


Der "Büchercheck" stellt eine ausgewählte Neu­erscheinung vor. Wir sind Partner­buch­handlung. Näheres hier!

Ihr Lesetipp?


Schreiben Sie Ihre eigene Buch­em­pfeh­lung und wir ver­öffent­lichen sie auf unserer Website.

Büchergilde


Wir sind Partnerbuchhandlung der bibliophilen Buchgemein­schaft Bücher­gilde Gutenberg.

Regionale Literaturszene


Befreundete Autoren


  • Original Hanau: Der Underground-Künstler Helmut Wenske alias Chris Hyde
  • Literatur lokal: Das Literaturforum Hanau
  • Hartmut Barth-Engelbart ist der immer noch der alte Revoluzzer. Urgestein der Hanauer Szene, Lehrer, Musiker und Schriststeller.
  • Georg Klein erhielt 1999 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, u.a. für seinen geheimnisvollen Agentenroman "Libisdissi". Leider ist die Website des Autors derzeit nicht aktiv. Näheres gibts bei Perlentaucher.
  • Claudia Schreiber ist die Autorin von "Emmas Glück", das bei der Aktion "Hanau liest ein Buch" im Juni 2005 von besonders vielen Hanauern und Hanauerinnen gelesen wurde. Zuletzt las sie für uns aus dem satirischen "Naturführer" "Heimische Frauenarten" im Frühjahr 2010.
  • Jan Seghers (Frankfurt-Krimi) alias Matthias Altenburg (literarische Romane) las bei uns aus seinen Krimis "Ein allzu schönes Mädchen" (2004) sowie "Die Braut im Schnee" (2005). Zuletzt las er für uns aus dem vierten Krimi um Kommissar Robert Marthaler "Die Akte Rosenherz" im Frühjahr 2010 (siehe "Rückblick).
  • Matthias Fischer las im Dezember 2007 bei uns aus seinem zweiten Main-Kinzig-Krimi "Tödliche Verwandlung" sowie aus dem dritten Teil "Schlafender Drache" im Dezember 2009 (siehe "Rückblick).
  • Jutta Wilke, lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in einem gemütlichen Haus in Hanau. Ihre Geschichten schreibt sie am liebsten dort, wo bei ihr das Leben tobt - am Küchentisch. Einblicke in ihr Leben als Autorin gibt sie im eigenen Autoren-Blog Ihr Jugendbuch "Holundermond" erschien Anfang 2011! Alle Bücher von Jutta Wilke anzeigen

© 2017 Buchladen am Freiheitsplatz | Impressum & Datenschutz | AGB | Widerrufsbelehrung | Kontakt | RSS | Atom