hr-iNFO Büchercheck: Internat von Serhij Zhadan


Das-Internat-Zhadan

Der 43-jährige Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan ist eine Größe in der Ukraine. Er kennt aus eigenem Erleben, die Gewalt, die Angst, die Willkür, den täglichen Überlebenskampf, die Entmenschlichung, die täglichen Absurditäten. Aber auch die Kraft, den Überlebenswillen, die Zuversicht und das kulturelle Bewusstsein, an dem sich Menschen im Grauen orientieren und sich so weder selbst noch ihre Menschlichkeit preisgeben. In seinem neuen Roman bringt Zhadan beides zusammen. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Pascha ist Ukrainisch-Lehrer, spricht selbst aber russisch. Den Krieg versucht er zu ignorieren. Sein Vater reißt ihn aus dieser Realitätsverweigerung. Pascha soll seinen Neffen aus einem Internat nach Hause holen, das in der Kampfzone liegt. Er muss sich durchschlagen: zerstörte Landschaften, ruinöse Städte, wirre Frontlinien. Zu Fuß, mit Taxis oder Bussen. Er trifft auf panische Flüchtlinge, undurchsichtige Typen, Gewalttäter. Ständig steht er vor der Frage: Freund oder Feind? Die Angst ist der ständige Begleiter. Das Überleben: ein Glücksfall. Zum Beispiel als er seinen Neffen gefunden hat und sie in einem Bus auf dem Weg nach Hause sind. Da werden sie von Soldaten angehalten. Die Situation wird bedrohlich, aber ein junger Soldat, der ihm zunickt, sorgt dafür, dass sie passieren können.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen. Und weiß, dass man ihn jederzeit und überall wieder hervorholen kann. Woher kennt er ihn bloß, diesen jungen Soldaten? Wer ist das? Wer war das?“

Es war ein früherer Schüler. Glück gehabt. Die beiden kommen schließlich entkräftet, aber lebend nach Hause. Der Weg hat sie geprägt. Pascha hat seine Passivität überwunden, übernimmt Verantwortung und Initiative. Der Neffe ist in zwei Tagen erwachsen geworden.

Wie ist es geschrieben?
Zhadan erzählt chronologisch aus einer Beobachter-Perspektive, unterbrochen durch Rückblenden in die Vergangenheit Paschas und durch Einblicke in seine Gedanken- und Traumwelten. Erst zum Ende hin ändert sich die Perspektive. Dann tritt ein Ich-Erzähler auf. Es ist der Neffe. Aus Erzähltem wird Erlebtes, eine Quelle. In einem Krieg, in dem die Wahrheit auf der Strecke blieb, ist das eine Kampfansage der Kunst an die Politik. Und Kunst ist dieses Buch in geradezu atemberaubender Weise. Zhadan findet Bilder für alle Varianten des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht. Und es gelingt ihm, mit seiner Sprache in der apokalyptischen Handlung Ästhetik und Poesie zu manifestieren. In Handlung und Stil bringt er zusammen, was eigentlich nicht zusammen passt.

Wie gefällt es?
„Internat“ ist ein ganz starkes Buch. Eine packende Handlung mit reflektierendem Tiefgang, geschrieben in einer feinen und zugleich kräftigen Sprache. Für mich ist es das stärkste Buch dieses Halbjahres.

 

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