hr-iNFO Büchercheck: Irgendwo in diesem Dunkel von Natascha Wodin


Nartascha Wodin

Die Geschichte ihrer Eltern lag für Natascha Wodin im Dunkeln. Sie wusste nur: Sie stammten aus der Sowjetunion, waren Zwangsarbeiter in Deutschland, blieben nach Kriegsende hier – aus Angst vor dem stalinistischen Terror. Als Natascha zehn Jahre alt war, brachte ihre Mutter sich um. Deren Leben und Herkunft hat Wodin recherchiert und in ihrem preisgekrönten Buch „Sie kam aus Mariupol“ erzählt. Im neuen Buch ist der Vater an der Reihe. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Vater schweigt meistens. Deutsch will er nicht lernen. Nach dem Tod seiner Frau schiebt er die Töchter ab in ein Kloster. Er selbst reist als Tenor in einem Kosakenchor durch Europa. Als er die Stimme verliert, holt er die Kinder zurück und wird Industriearbeiter. Wodin schildert ihn als Trinker, der brutal zuschlägt, mit Hunger und Durst bestraft und sich fast an ihr vergeht. Die erwachsene Erzählerin versucht den Vater, seine innere Emigration und sein Schweigen zu ergründen. Sie findet einen Onkel in Moskau, erfährt, dass der Vater vor ihrer Mutter bereits eine Frau und zwei Kinder in Russland hatte. Mehr kann sie nicht herausfinden. So verschiebt sich der Fokus des Erzählten auf Natascha selbst. Auf ihr Leiden an dem Vater, an der Ausgrenzung durch die deutschen Kinder in den 50ern und 60ern, obwohl sie doch so gerne eine Deutsche mit bürgerlicher Existenz werden will. „Unter lautem Gelächter wollten sie von mir wissen, ob es stimme, dass wir zu Hause die Kartoffeln in der Kloschüssel wuschen und dass die Russenweiber keine Unterhosen trugen. Sie nannten mich `Russki´, `Russla´, `Russensau´, `Russenlusch´. Ich erinnere mich gar nicht, wann ich diese Wörter zum ersten Mal gehört hatte, mir war, als wären sie immer schon da gewesen, ein Bestandteil der Luft, ein Geruch, den ich nie loswurde.“
Es ist die Geschichte einer Katastrophe: Scheitern in der Schule, Orientierungslosigkeit, Rumtreiberei, schließlich sogar Obdachlosigkeit, Vergewaltigung. Dann hat sie Glück und findet einen Job. Die Ausgestoßene zieht sich mit aller Entschlossenheit wieder hinein ins eigene, selbstbestimmte Leben.

Wie ist es geschrieben?
Natascha Wodin erzählt eine harte Geschichte. Und sie erzählt sie in vielen Details, genau, schonungslos, bisweilen krass. Ihr Ton dagegen nimmt Abstand ein zum Erzählten, ist eher nüchtern, ja lakonisch. Es ist kein Buch der spektakulären Bilder. Die braucht es nicht. Die Ereignisse sprechen für sich, der Ton verstärkt sie in ihrer Wirkung.

Wie gefällt es?
Natascha Wodin hat mit den beiden sehr persönlichen Büchern über ihre Eltern auch ein Zeitpanorama der unmittelbaren Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik entfaltet und Einblicke geschaffen in Zwangsarbeiterschicksale, die ja nicht so selbstverständlich erinnert werden. Und sie hat dafür eine so sachliche wie wirkungsvolle Sprache gefunden.

hr-iNFO

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