hr-iNFO Büchercheck: Mittagsstunde von Dörte Hansen


Mittagsstunde-Dörte-Hansen

Nach ihrem Debütroman „Altes Land“ vor zwei Jahren stürmt nun auch „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen die Bestsellerlisten. Und wieder schreibt die 54-jährige Nordfriesin über das Leben auf dem Land. hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Mittagsstunde“ spielt in einem fiktiven Dorf, namens Brinkebüll, und dessen Geschichte wird über mehrere Generationen rekapituliert. Im Zentrum steht ein Archäologe, Ingwer Feddersen, der aus Brinkebüll stammt, der es als Hochschullehrer bis nach Kiel geschafft  hat, und der mit Ende 40 zurückkehrt, um seine Großeltern zu pflegen. Eine Rückkehr mit zwiespältigen Gefühlen, denn mit diesem Dorf, in dem er als unehelicher Sohn einer geistig verwirrten  Mutter aufwuchs, verbindet Feddersen eine Art Hassliebe:
Er hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgelebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.

Wie ist es geschrieben?
Dieser Satz mit dem abgelebten Stofftier ist typisch für Dörte Hansens Fähigkeit, die komplexen Gefühle ihrer Hauptfigur auf den Punkt zu bringen. Ingwer Feddersen weiß, wie hart und mitunter auch grausam das Leben auf dem Land sein kann – aber trotzdem kann er sich dem Gefühl, genau dorthin zu gehören, nicht entziehen. Und es kommt noch etwas dazu: denn Ingwer Feddersen ist Archäologe. Er ist Spezialist für untergegangene Kulturen und merkt nach und nach, dass sein Heimatdorf selbst schon eine untergegangene Kultur ist. Es ziehen Städter zu, aber die leben nur noch auf dem Land, aber nicht mehr vom Land – wieder so ein toller Dörthe-Hansen-Satz. Das meiste ist verschwunden oder verschwindet nach und nach – und genau dieses Verschwinden hat Dörthe Hansen auf beeindruckende Weise festgehalten:
Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn, kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen, wen sollten sie auch rufen, auf den Weiden standen kaum noch Kühe. Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren.

Wie gefällt es?
„Mittagsstunde“ ist  für mich einer der bewegendsten Romane dieses Jahres. Dörthe Hansen ist das Kunststück gelungen, einen Heimatroman zu schreiben, der „Heimat“ nicht verklärt oder verkitscht, sondern im Bewusstsein seiner unwiederbringlichen Vergangenheit thematisiert. Dörthe Hansen gelingt es eindrucksvoll, uns die widersprüchlichen Gefühle, die mit dieser Verlusterfahrung verbunden sind, noch einmal erleben zu lassen – ein bisschen sentimental, aber dafür nicht weniger wahrhaftig.

hr-iNFO

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