hr-iNFO Büchercheck: Nordwasser von Ian McGuire


Ian McGuire

Nordwasser – das ist der zweite Roman des englischen Schriftstellers Ian McGuire – und der Roman, mit dem er 2016 für den Britischen Booker Prize nominiert war. Ian McGuire ist Jahrgang 1964 lebt in Manchester, lehrt kreatives Schreiben an der Universität von Manchester. hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen. (Unsere eigene Vorstellung finden Sie hier.)

Worum geht es?

Dieser Roman beginnt in der nordostenglischen Hafenstadt Hull, Mitte des 19. Jahrhunderts: an Bord des Walfangschiffes „Volunteer“ treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine – der Harpunier Henry Drax – ist ein Mann wie eine Naturgewalt und gleichzeitig das personifizierte Böse. Der andere – der Schiffsarzt Patrick Sumner – schleppt eine traumatische Vergangenheit mit sich herum, versucht aber, auf den Schiff die Standards von Recht und Menschlichkeit aufrecht zu halten – und wird dadurch zum erbitterten Gegenspieler des rücksichtslosen Drax. Die Auseinandersetzung der beiden nimmt dramatische Ausmaße an, als eines Tages an Bord ein Schiffsjunge erst missbraucht und dann ermordet wird. Schiffsarzt Sumner kann Drax der Tat überführen – was ihm aber erst einmal wenig bringt, denn die „Volunteer“ bleibt plötzlich im Packeis stecken – und der verzweifelte Kampf der Crew mit den Naturelementen, mit Eis, Sturm und Hunger überlagert alles andere.

Wie ist es geschrieben?
Ian McGuire beherzigt beim Schreiben das, was Billy Wilder mal als perfekte Filmdramaturgie empfohlen hat: „Mit einem Erbeben beginnen und dann das Ganze langsam steigern.“ „Nordwasser“ packt den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn nicht mehr los: Das liegt zum einen an der spannenden und immer dramatischer werdenden Handlung; das liegt aber auch an der Sprache McGuires, die alle Sinn anspricht, und zwar von der ersten Zeile an! Mit diesen Sätzen beginnt der Roman: „Sehet den Menschen. Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Reste ab, um auch wirklich alles für sein Geld zu bekommen.
In diesem Roman riecht, schmeckt und spürt man die Welt der Seeleute und Walfänger hautnah – das ist nicht immer angenehm – aber fesselnd von Anfang an.

Wie gefällt es?
Ich muss zugeben, ich habe ein Faible für Romane, die vom Meer und von den Urgewalten der Natur handeln – und ich mag Kriminalgeschichten, also Geschichten, die von den Abgründen der menschlichen Natur handeln. Beides bringt dieser Roman auf spannende Weise zusammen. Das ist mitunter drastisch, das ist manchmal auch schwer zu verdaulich, aber in letzter Konsequenz mitreißend geschrieben und mitreißend erzählt – ein fantastischer Roman.

hr-iNFO

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