hr-iNFO Büchercheck: Schnee in Amsterdam von Bernard MacLaverty


Bernard MacLaverty

76 Jahre alt ist der irischstämmige Schriftsteller Bernard MacLaverty. Ein Alter, in dem man auf viele Erfahrungen zurück blicken kann. Das wird in seinem neuen Roman deutlich, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. MacLaverty beschreibt darin ein Ehepaar, das seit 40 Jahren verheiratet ist. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Die Reise nach Amsterdam ist ein Weihnachtsgeschenk von Stella an Gerry. Sie war Lehrerin, er Architekt und Dozent an der Uni. Auf den ersten Blick ist es ein romantischer Trip eines innigen Paares. Sie halten sich auf der Straße an der Hand, küssen sich im Aufzug, schlafen miteinander. Sie machen Besichtigungen, gehen essen, Kaffee trinken, genießen das winterliche Amsterdam. Vertraulichkeiten und Rituale einer langjährigen Beziehung. Aber unter der Hochglanzoberfläche lauern Risse und Abgründe.
Die gemeinsamen Jahre können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier zwei Individuen unterwegs sind. Jetzt, im Alter, werden die Momente der Distanz und der Heimlichkeiten überdeutlich. Sie will ihr Gelübde einlösen und in Amsterdam in einer klosterähnlichen Frauengemeinschaft leben. Gerry ahnt davon nichts. Er meint: „Alle Religionen sollten Museum sein.“ Sein Leben dreht sich inzwischen um den Whiskey. Ohne kann er nicht, versucht es aber zu verstecken. So, wie der Schnee auf Amsterdam niederrieselt, steuert das Paar stetig auf den klärenden Moment zu. Stella eröffnet das Ringen um Gemeinsamkeit oder Trennung. Am Ende sitzen sie fest am Amsterdamer Flughafen, der Schnee hat den Verkehr lahm gelegt. Gerry ist nach einem Trunkenheitssturz äußerlich gezeichnet und schläft seinen Rausch aus. Stella sitzt weinend auf dem Klo, denn ihre Zukunftshoffnung hat sich als Illusion entpuppt. Am nächsten Morgen reden sie wieder miteinander, konfrontieren sich mit Wahrheiten, suchen ihre Zukunft. Wie fragte sich Stella noch? „Was ist Liebe anderes als ein lebenslanges Gespräch?“

Wie ist es geschrieben?
MacLaverty erzählt chronologisch mit Rückblenden, mal aus Stellas, mal aus Gerrys Perspektive. So ergibt sich in vielen Details sukzessive ein Bild von der engen Vernetzung dieses Paares. Sprachlich ist MacLaverty ein Meister der Einfachheit. Er beschreibt die Seelendramen ohne viel Tamtam, direkt, eher registrierend. Aber gerade durch diese Ruhe entsteht Nähe zu den Figuren und ein melancholischer Grundton, der den Grundgedanken – Liebe als lebenslanges Gespräch – unterstreicht.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Schnee in Amsterdam“ ist ein Buch aus dem Leben. Man kann hier viel lernen. Es gibt starke Botschaften und auch feine Weisheiten, die zwischen den Zeilen auf ihre Entdeckung warten. Ich finde: ein Buch für Neugierige, für Paare, an einem ruhigen Winterabend genau das Richtige.

hr-iNFO

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