hr-iNFO Büchercheck: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt von Jesmyn Ward


Singt-ihr-Lebenden-und-ihr-Toten-singt

Der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben im Haus der Großeltern in Mississippi. Der Großvater züchtet Ziegen, ist eine Art Selbstversorger. Die Großmutter dämmert krebskrank dem Tod entgegen. Die Mutter jobbt in einer Kneipe, schluckt Drogen, wenn sie sie kriegen kann und hat keine Empathie für ihre Kinder. Der Vater, ein Weißer, sitzt im Knast. Seine Eltern lehnen ihre Enkel und deren Mutter ab, es sind ja Schwarze. Und der Cousin des Vaters hat einst den Bruder der Mutter erschossen, weil der eine Wette gegen ihn gewonnen hatte. Die Tat wurde als Jagdunfall vertuscht. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Setting macht schon klar, es geht um soziales Elend, um tief verwurzelten Rassismus, um Gewalt und Unrecht. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es gibt noch Hoffnung für eine bessere Zukunft. Dafür stehen die fürsorglichen Großeltern, die für die beiden Kinder die eigentlichen Eltern sind, dafür steht auch die symbiotische Beziehung der beiden Kinder zueinander. Sie kleben wie Kletten aneinander, stützen sich gegenseitig. Und: Diese Menschen verfügen über Kräfte, die ihnen helfen, dem Alltag stand zu halten und nach vorne zu gucken. In ihrer Wahrnehmung tauchen immer wieder Geister von Verstorbenen auf. Jojo, Kayla und ihre Mutter erkennen sie und reden mit ihnen. Es sind der ermordete Bruder der Mutter und ein Junge, der einst im Gefängnis zu Tode kam, weil der Großvater, der dort auch Zwangsarbeit leisten musste, ihn nicht retten konnte. Diese Figuren heben Raum und Zeit auf, verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Großmutter wiederum, eine Art Heilerin, glaubt nach wie vor an die Götter ihrer nigerianischen Vorfahren. Sie kann erst sterben, wenn diese Götter ihr in einem Ritual den Weg ins friedliche Jenseits weisen. Reale Welt und magische Parallelwelt vermischen sich so ständig. Es ist das Panorama einer schwarzen Südstaatenfamilie.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive Jojos und seiner Mutter. Diese Perspektiven prallen hart aufeinander. Hier der empathische Sohn, dort die egoistische Mutter. Schon daraus ergeben sich dramatische Situationen. Ward erzählt sie mit großer sprachlicher Ausdruckskraft, mit Bildern in fetten und leuchtenden Farben. Ein intensives Erzählen. Das Drama spitzt sich zu, als der Geist des Jungen aus dem Gefängnis darauf drängt, seinen Tod aufzuklären. Der Großvater offenbart schließlich seine tragische Schuld. Er hatte den Jungen aufgespürt, als ein Trupp gewaltbereiter Weißer ihn nach einem Ausbruch suchte.
Er tötete ihn, weil ihn sonst die weißen Häscher brutal zu Tode gefoltert hätten.

Wie gefällt es?
Ich finde, Jesmyn Ward hat ein gleichermaßen zeitkritisches wie phantastisches und vor allem hochemotionales Buch geschrieben. Man muss sich nur darauf einlassen, die magische Einheit von Vergangenheit und Gegenwart als subjektive Realität zuzulassen. Dann wird man dieses Buch als tolle Entdeckung empfinden.

hr-iNFO

 

 

 

Diesen Beitrag kommentieren

Bitte geben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag ein.

Wie wir mit Ihren Daten umgehen lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Jeden Donnerstag auf hr-iNFO:


Der "Büchercheck" stellt eine ausgewählte Neu­erscheinung vor. Wir sind Partner­buch­handlung. Näheres hier!

Ihr Lesetipp?


Schreiben Sie Ihre eigene Buch­em­pfeh­lung und wir ver­öffent­lichen sie auf unserer Website.

Büchergilde


Wir sind Partnerbuchhandlung der bibliophilen Buchgemein­schaft Bücher­gilde Gutenberg.

Regionale Literaturszene


Befreundete Autoren


  • Original Hanau: Der Underground-Künstler Helmut Wenske alias Chris Hyde
  • Literatur lokal: Das Literaturforum Hanau
  • Hartmut Barth-Engelbart ist der immer noch der alte Revoluzzer. Urgestein der Hanauer Szene, Lehrer, Musiker und Schriststeller.
  • Georg Klein erhielt 1999 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, u.a. für seinen geheimnisvollen Agentenroman "Libisdissi". Leider ist die Website des Autors derzeit nicht aktiv. Näheres gibts bei Perlentaucher.
  • Claudia Schreiber ist die Autorin von "Emmas Glück", das bei der Aktion "Hanau liest ein Buch" im Juni 2005 von besonders vielen Hanauern und Hanauerinnen gelesen wurde. Zuletzt las sie für uns aus dem satirischen "Naturführer" "Heimische Frauenarten" im Frühjahr 2010.
  • Jan Seghers (Frankfurt-Krimi) alias Matthias Altenburg (literarische Romane) las bei uns aus seinen Krimis "Ein allzu schönes Mädchen" (2004) sowie "Die Braut im Schnee" (2005). Zuletzt las er für uns aus dem vierten Krimi um Kommissar Robert Marthaler "Die Akte Rosenherz" im Frühjahr 2010 (siehe "Rückblick).
  • Matthias Fischer las im Dezember 2007 bei uns aus seinem zweiten Main-Kinzig-Krimi "Tödliche Verwandlung" sowie aus dem dritten Teil "Schlafender Drache" im Dezember 2009 (siehe "Rückblick).
  • Jutta Wilke, lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in einem gemütlichen Haus in Hanau. Ihre Geschichten schreibt sie am liebsten dort, wo bei ihr das Leben tobt - am Küchentisch. Einblicke in ihr Leben als Autorin gibt sie im eigenen Autoren-Blog Ihr Jugendbuch "Holundermond" erschien Anfang 2011! Alle Bücher von Jutta Wilke anzeigen

© 2018 Buchladen am Freiheitsplatz | Impressum | Datenschutz | AGB | Widerrufsbelehrung | Kontakt | RSS | Atom