hr-iNFO Büchercheck: Skandinavisches Viertel von Torsten Schulz


Skandinavisches-Viertel

Drei Mal Deutschland bietet der neue Roman von Torsten Schulz. Die DDR, das wiedervereinigte Land und Nazideutschland. Im Mittelpunkt steht Matthias, ein Kind der 60er Jahre, mauererfahren, gleichermaßen sozialismus- und kapitalismusgeschult. Daneben seine Eltern und ein Onkel, Gewächse der DDR. Außerdem die Großeltern, verstrickt in den Nationalsozialismus. Und natürlich ihr Milieu, kleine Leute, Mietwohnung, im Skandinavischen Viertel, einem Kiez am Prenzlauer Berg. hr-iNFO-Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Matthias ist ein gewitzter Typ. Als Kind reizt er die Grenzsoldaten mit Fragen nach den skandinavischen Namen der Straßen im Schatten der Mauer. So testet er die Grenzen seiner Freiheit, wenn er schon nicht ins echte Skandinavien kann. Das kennt er nur aus Erzählungen seines versoffenen Onkels, der mal als Hilfsarbeiter eines DDR-Zirkus dort war. Als junger Mann sucht er nach einem Journalismus-Studium in Leipzig die Freiheit in Los Angeles. Auch dort überschreitet er die Grenzen, als er anfängt Stories zu erfinden. Irgendwann fliegt er auf und kommt zurück. Er wird Makler in der aufstrebenden Hauptstadt. Spezialisiert auf sein Viertel. Er verkauft nur an Leute, die für ihn in das Soziotop des Skandinavischen Viertels passen. Ein widerständiger, ja anarchischer Typ. Aber auch ein melancholischer. Am Ende trickst ihn ein Immobilienhai aus. Und auch bei den Frauen scheitert er. Aus dem Existenzialismus Albert Camus hat er seine Lebenshaltung entwickelt. Immer weiter machen, um das Scheitern wissen, daher nicht zu viel geben, die Dinge nicht so ernst nehmen, eher verdrängen und ein wenig Spaß dabei haben.

Wie ist es geschrieben?
Torsten Schulz ist ein leiser Erzähler. Aber was er erzählt, ist das Ergebnis genauer Milieubeobachtung und präzise und liebevoll nachempfunden, in meist kurzen Sätzen und anziehenden Bildern. Die Einsichten ins Leben kommen hier unaufgeregt, fast lapidar und oft überraschend um die Ecke. Manchmal in Form von Redensarten. Zum Beispiel als Matthias nach dem Krebstod seiner Mutter der Oma die Einkaufstaschen nach Hause trägt.

„Auf dem Weg zur Wohnung reden sie kein Wort miteinander. Erst in der Küche, als er die beiden Taschen abstellt, sagt die Großmutter, ohne den Gedanken irgendwie einzuleiten: „Eigentlich wäre ich an der Reihe gewesen. Stattdessen … Das Schicksal spielt verrückt, anders kann man das nicht ausdrücken.“ Kaum hat sie den Satz beendet, korrigiert sie sich: „Wahrscheinlich ist es ganz einfach: Was an der Reihe ist, muss gehen. Das ist die Bestimmung. Daran glaube ich. Das hab ich mir von den Nazis nicht verbieten lassen und von den Kommunisten auch nicht.“

Wie gefällt es?
Ich habe auf einer Zugfahrt begonnen, das Buch zu lesen und konnte es nicht mehr weglegen. Ich war ungehalten, als ich ankam und meinen Lesetrip ins Skandinavische Viertel unterbrechen musste. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch gefesselt. Es steckt so viel Leben darin, Wahrheit und Witz. Schade, dass es irgendwann vorbei war. Ich hätte gerne erfahren, ob Matthias doch noch sein Glück findet.

hr-iNFO

 

 

 

Diesen Beitrag kommentieren

Bitte geben Sie hier Ihren Kommentar zu diesem Beitrag ein.

Wie wir mit Ihren Daten umgehen lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Jeden Donnerstag auf hr-iNFO:


Der "Büchercheck" stellt eine ausgewählte Neu­erscheinung vor. Wir sind Partner­buch­handlung. Näheres hier!

Ihr Lesetipp?


Schreiben Sie Ihre eigene Buch­em­pfeh­lung und wir ver­öffent­lichen sie auf unserer Website.

Büchergilde


Wir sind Partnerbuchhandlung der bibliophilen Buchgemein­schaft Bücher­gilde Gutenberg.

Regionale Literaturszene


Befreundete Autoren


  • Original Hanau: Der Underground-Künstler Helmut Wenske alias Chris Hyde
  • Literatur lokal: Das Literaturforum Hanau
  • Hartmut Barth-Engelbart ist der immer noch der alte Revoluzzer. Urgestein der Hanauer Szene, Lehrer, Musiker und Schriststeller.
  • Georg Klein erhielt 1999 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, u.a. für seinen geheimnisvollen Agentenroman "Libisdissi". Leider ist die Website des Autors derzeit nicht aktiv. Näheres gibts bei Perlentaucher.
  • Claudia Schreiber ist die Autorin von "Emmas Glück", das bei der Aktion "Hanau liest ein Buch" im Juni 2005 von besonders vielen Hanauern und Hanauerinnen gelesen wurde. Zuletzt las sie für uns aus dem satirischen "Naturführer" "Heimische Frauenarten" im Frühjahr 2010.
  • Jan Seghers (Frankfurt-Krimi) alias Matthias Altenburg (literarische Romane) las bei uns aus seinen Krimis "Ein allzu schönes Mädchen" (2004) sowie "Die Braut im Schnee" (2005). Zuletzt las er für uns aus dem vierten Krimi um Kommissar Robert Marthaler "Die Akte Rosenherz" im Frühjahr 2010 (siehe "Rückblick).
  • Matthias Fischer las im Dezember 2007 bei uns aus seinem zweiten Main-Kinzig-Krimi "Tödliche Verwandlung" sowie aus dem dritten Teil "Schlafender Drache" im Dezember 2009 (siehe "Rückblick).
  • Jutta Wilke, lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in einem gemütlichen Haus in Hanau. Ihre Geschichten schreibt sie am liebsten dort, wo bei ihr das Leben tobt - am Küchentisch. Einblicke in ihr Leben als Autorin gibt sie im eigenen Autoren-Blog Ihr Jugendbuch "Holundermond" erschien Anfang 2011! Alle Bücher von Jutta Wilke anzeigen

© 2018 Buchladen am Freiheitsplatz | Impressum | Datenschutz | AGB | Widerrufsbelehrung | Kontakt | RSS | Atom