hr-iNFO Büchercheck: Stellt euch vor, ich bin fort von Adam Haslett


Stellt euch vor ich bin fort

Die Bücher des us-amerikanischen Schriftstellers Adam Haslett wurden schon vielfach ausgezeichnet und in 18 Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman “Stellt Euch vor, ich bin fort” wurde für den Pulitzer-Preis nominiert.
hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

 

Worum geht es?
Es beginnt mit Margaret, die im London der 60er Jahre John trifft, ihn heiratet, obwohl sie kurz vorher erfahren hat, dass er unter wiederkehrenden Depressionen leidet. Sie bekommen drei Kinder, ziehen in die USA, wo John sich eines Tages das Leben nimmt. Aber das heimtückische Ungeheuer Depression, das John mit seinem Selbstmord zu zerstören hoffte, überlebt – es wendet sich dem ältesten Sohn Michael zu, der alsbald eine fatale Angststörung entwickelt und wieder ist die Familie mit einem Unglück konfrontiert, dass sie an die Grenzen der Belastbarkeit bringt und gleichzeitig aber auch zusammenschweißt.

„Alles in allem standen wir einander so nah, wie es unter Geschwistern nur möglich ist. Was bedeutete, dass wir die jeweiligen Verantwortlichkeiten gegenüber der Familie genau im Auge behielten und auf Anzeichen für Desertion lauerten wie Schiffbrüchige auf einer Insel – als baute jeder von uns heimlich an einem Floß, das der andere dann verbrannte.“

Extremes Leiden schafft extremen Zusammenhalt und sogar extreme Zärtlichkeit – diese paradoxe Struktur des familiären Unglücks ist es, was Haslett interessiert.

Wie ist es geschrieben?
Adam Haslett erzählt aus wechselnden Perspektiven. Jedes Familienmitglied rekapituliert seine Sicht der Dinge, treibt die Handlung weiter, relativiert oder entlarvt das zuvor Erzählte als Teilwahrheiten, als Wunschdenken oder als Projektion. Das macht die Spannung dieses Romans aus. Haslett gelingt darüber hinaus das Kunststück, für jede Figur einen eigenen Ton, einen eigenen Rhythmus zu finden: sei es melancholisch im Fall des depressiven John oder überspannt und streckenweise hochkomisch im Fall seines ältesten Sohnes Michael. Das Entscheidende aber ist, dass wir durchgehend nah bei den Figuren sind, dass ihre Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen – so verrückt sie auch sein mögen, dennoch glaubwürdig bleiben. Haslett lässt uns das Wechselbad der familiären Gefühle miterleben, den Wunsch nach Unabhängigkeit genauso spüren wie Sehnsucht nach Geborgenheit.

Wie gefällt es?
Dieser Roman behandelt kein leichtes Thema, aber er ist nicht anstrengend zu lesen: Er entwickelt keine dramatische Handlung, und trotzdem reißt er unwiderstehlich mit. Das liegt am präzisen Stil und an der eindringlichen Sprache, das liegt an den Figuren, die komplex und glaubwürdig sind – man merkt, dass Haslett hier auch seine eigene tragische Familiengeschichte verarbeitet hat; es liegt aber vor allem daran, dass er die Institution Familie weder idealisiert noch karikiert, sondern als so komplex und widersprüchlich darstellt: als Halt und Heimsuchung in einem. Das auf so unaufgeregte und eindringliche Art zu erzählen, ist eine große Leistung eines großen Romans.

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