hr-iNFO Büchercheck: Süßer Ernst von A.L. Kennedy


Sueßer-Ernst-A-L-Kennedy

A. L. ist eine der Großen in der zeitgenössischen britischen Literatur. Sie gilt als schonungslos realistisch, sie kann böse und witzig sein, analytisch und sinnlich. Jetzt ist ein neuer Roman von ihr auf Deutsch erschienen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Brexit wird in A.L. Kennedys Roman nirgendwo explizit erwähnt. Und doch durchweht die Geisteshaltung des Establishments in Westminster große Teile des Buchs. Eben die Geisteshaltung, die das Risikospiel mit der öffentlichen Meinung und das manipulative Werben für den Ausstieg aus der EU erst möglich machte. Einer der beiden Protagonisten, Jon, ist ein hoher Beamter, der den Regierenden hilft, aus politischen Entscheidungen nette Geschichten zu machen, damit die Leute die Entscheidungen schlucken. Fakten spielen dabei keine Rolle. Die zweite Protagonistin, Meg, ist eine von denen, die diese Geschichten schlucken sollen. Sie ist als Wirtschaftsprüferin gescheitert, wurde als Opfer von Vergewaltigung und Gewalt Alkoholikerin. Jetzt ist sie seit einem Jahr trocken. Hier treffen sich zwei zutiefst verletzte Menschen. Jon hat sich seinem Job entfremdet, er hat mit seinen Idealen nichts mehr zu tun.

Das offene Geheimnis, das im Herzen der öffentlichen Dienstleistungen liegt, besteht – wie du weißt – darin, dass es Fakten gibt, aber die sind unwichtig. Es gibt Erkenntnisse, und diese Erkenntnisse können beweisen oder widerlegen, was der bessere, wenn nicht gar der beste – Weg zu allem ist. Zu grundsätzlich allem. (…)Sie müssen Gewissheit haben, sie müssen schrille Meinungen und fassbare Wahrheiten haben, damit sie die Wirklichkeit besser überdecken können.

Wie ist es geschrieben?
Kennedy kondensiert die Handlung auf einen Tag im Frühling. Den Tag, an dem sich Meg und Jon mit vielen Erwartungen zum Essen verabredet haben. Von 6Uhr42 des einen Tages bis 6Uhr42 des nächsten. Der entscheidende Tag. Die Kapitel wie ein Countdown. Kommen Sie zusammen? Kennedy unterbricht die Handlung mit den Gedankenströmen der beiden. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Meg und Jon.

Wie gefällt es?
Die Konstruktion des Buchs ist anstrengend. Ständig unterbrechen die inneren Monologe die Handlung, man muss sich orientieren und auch konzentrieren auf diese tiefgründige Erkundung der beiden Figuren. Darauf muss man sich einlassen und wird dann auch belohnt. Kennedy liefert Bilder des Lebens und Überlebens in einem herunter-gekommenen System. Momente einer Zeitenwende. Und zugleich die Beschwörung der Menschlichkeit, der Überlebensfähigkeit der Bedürfnisse nach Zuwendung, Zärtlichkeit und Glück in der Gemeinsamkeit. Ich finde: beeindruckend.

hr-iNFO

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