hr-iNFO Büchercheck: Töchter von Lucy Fricke


Lucy Fricke

Die Schriftstellerin Lucy Fricke ist Jahrgang 1974 und in den letzten Jahren langsam aber sicher von einer spannenden Nachwuchsautorin zu einer der interessantesten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur geworden. Für ihren neuesten Roman „Töchter“ wurde sie gerade mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet. hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Töchter“ ist ein Roman aus dem beliebten Genre der „Roadnovel“, aber die Reise, auf die Lucy Fricke ihren beiden Heldinnen schickt, die hat es wirklich in sich. Es beginnt damit, dass Betty und Martha, beide Anfang 40, beide mitten in der Midlife-Crisis, sich aufmachen, um Marthas Vater Kurt in einer Schweizer Sterbeklinik abzuliefern. Das klingt düster, ist es aber überhaupt nicht, zumal sich herausstellt, dass der gute alte Kurt seine Suizidabsicht nur vorgetäuscht hat, um in der Schweiz seine Jugendliebe wiederzusehen. Das allerdings hält die beiden Freundinnen nicht davon ab, weiterzufahren Richtung Italien, um dort das Grab von Bettys geliebtem Stiefvater zu besuchen, wobei sich auch die Nachricht von dessen Tod als leicht übertrieben herausstellt – das Grab ist jedenfalls leer.

Wie ist es geschrieben?
Dieser Roman hat das, was eine Roadnovel natürlich haben muss: Er hat Tempo, überraschende Wendungen und auch den ein oder anderen Crash. Darüber hinaus ist er sehr, sehr witzig. Betty und Martha sind zwei sympathische Loserfiguren, die ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs balancieren – ohne dabei ihren Sinn für Selbstironie zu verlieren. Das zeigt sich in schnellen, unterhaltsamen Dialogen, die Lucy Fricke einfach wunderbar beherrscht. Dazu kommen dann immer wieder überraschende und pointierte Alltagsbeobachtungen, etwa bei der Frage, was einen guten Liebhaber ausmacht:

„Nie wieder ein Tätowierter“, sagte ich. „Die reden die ganze Zeit. Schlimmer als Angler. Als ich anfing mit Sex, haben mir die Männer ihr Leben anhand von Narben erzählt. Das hat meistens nicht lange gedauert. Jetzt kommen langsam die Bypässe dazu, aber die sind schnell erzählt. Tätowierungen hingegen sind ins Fleisch gebrannte Geschichten.“
Dabei geht es Lucy Fricke nicht nur darum, besonders witzig und originell zu sein. Dieser Roman wie auch die Reise der beiden Freundinnen hat durchaus ein ernsthaftes und potentiell tragisches Ziel, das aber hier nicht verraten soll.

Wie gefällt es?
Mir hat dieser Roman einen Heidenspaß gemacht. Wie Lucy Fricke hier die Tochter-Vater-Beziehung auf eine schräge Bahn bringt, und das gleich in doppelter und dreifacher Hinsicht, das ist schon großes Erzählkino. Das ist rasant, das ist spannend bis zum Schluss. Und was lernen wir daraus? Vielleicht, dass man dem Tod nicht entkommen kann, aber dass es ziemlich unterhaltsam ist, ihm hinterherzufahren – jedenfalls mit Lucy Fricke.

 hr-iNFO

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