hr-iNFO Büchercheck: Ich gehe wie ein Haus in Flammen von António Lobo Antunes


Antonio Lobo Antunes

Ein Haus in Flammen. Das ist das Leitmotiv des Romans. Es kommt immer wieder vor auf den knapp 450 Seiten. Lobo Antunes erzählt von Menschen, die alle in einem Haus in Lissabon wohnen. Acht Parteien sind es vom Erdgeschoss bis zum Dach. Zusammen repräsentieren sie die portugiesische Gesellschaft, wie der Autor sie sieht: körperlich und geistig siechend, an ihren privaten Traumata ebenso leidend wie an der politischen Vergangenheit. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Unter den Hausbewohnern sind zum Beispiel Überlebende des Holocaust. Auch einstige Gegner der Diktatur, die aber von den Schergen des Diktators gebrochen und zu Spitzeln gewendet wurden. Vertreter des Bürgertums gehören dazu, wie eine Richterin oder eine Finanzbeamtin. Aber auch bizarre Protagonisten, wie ein Trinker, eine Schauspielerin und ein Offizier aus der Zeit der Kolonialherrschaft Portugals in Angola. Und schließlich der Diktator selbst. Als Untoter in den Köpfen der Menschen immer präsent und in dem Haus auf dem Dachboden. Vereinsamt sind sie alle, leben und werden getrieben von ihren Erinnerungen. Die Gewalt der Diktatur ist immer präsent. Viele verpasste, ja verbrannte Leben. Und jetzt eben das Alter. Eine verrottende Hausgemeinschaft. Zum Beispiel der Trinker, der von Frau und Tochter ausgestoßen wurde und immer wieder an die Tochter denkt:

“Glauben Sie mir, die Tränensäcke ein Familienerbe, die Hautfarbe ein Allergieproblem, wenn ich die Tabletten alle genommen habe, geht es mir prima, ich wirke so, als würde ich beim Gehen schwanken, weil der Fußknöchel klemmt, ab fünfzig fängt die Maschine an kaputtzugehen, mal ist es dieser, mal jener Knochen, dann ist diese oder jene Niere verstopft, man geht wie ein Haus in Flammen, wir gehen alle wie Häuser in Flammen, das Schädeldach brennt, wenn wenigstens Alexandra – Papi dann wäre ich ruhig.“

Wie ist es geschrieben?
Das Haus bildet die Klammer der Romans. Die Kapitel folgen dem architektonischen Bauplan des Hauses. Diese Orientierung ist wichtig, denn Lobo Antunes erzählt nicht linear. Die Zeitebenen sind aufgehoben Seine Figuren monologisieren in Gedankenströmen, assoziativ und sprunghaft. Und dann wird es noch unterbrochen durch die Gedanken der anderen Hausbewohner oder durch Angehörige, die in den Erinnerungen auftauchen. Eine große Vielstimmigkeit also, aber mit der Zeit lernt man die Charaktere kennen und kann sie weitgehend unterscheiden.

Wie gefällt es?
Dieses Buch hat mich gefordert. Ich habe Zeit gebraucht, mich in dieser assoziativen Vielstimmigkeit zurechtzufinden. Lesen ist hier Arbeit. Und trotzdem geht der Bauplan des Autors irgendwann auf, und dann ist das Lesen ein Vergnügen. Es hat mir Spaß gemacht, mich durch dieses Stimmengewirr durchzutasten. Der Diktator als Hausgespenst, eine großartige Idee! Manchmal taucht sogar der Autor selbst in Nebensätzen auf. Ein vielschichtiges Buch.

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