Ein Sommer der bleibt von Peter Kurzeck


Martina Jacobs

Hanauer Kanon der Literatur“: In diesem Buch stellen 100 Hanauer Persönlichkeiten ihre ganz besondere Leseempfehlung vor. Es wurde 2014 vom Buchladen herausgegeben und ist nur hier erhältlich. Der folgende Text ist der Beitrag von Martina Jacobs:

Dieses Hörbuch des Jahres 2008 empfehle ich als Einstiegsdroge in das Werk Peter Kurzecks. Ein Hörbuch, das keines ist, weil ohne schriftliche Vorlage. Dieser Geheimtipp eines Schriftstellers erzählt romanhaft in eindrücklicher Sprache, minutiös beobachtet, erinnernd das ganze Dorf von seiner Kindheit über die Jugend, das Heranwachsen in den 50er Jahren.

Er beobachtet die Menschen im Dorf, sich selbst mittendrin. Erinnert sich in kleinsten Kleinigkeiten an das Leben dort, wie es sich abspielt Tag für Tag. Der Ort im weiten Tal, die Wege zur Lahn und deren Wiesen, wo sie als Kinder spielen – einmal verliert er dort fast sein Taschenmesser. Den Weg zur Mühle, wo seine Mutter um etwas Mehl bittet. Er ist dabei. Die gegangenen Wege nach Lollar zum Rex-Filmtheater und zum großen Eisenwerk, der Buderus-Hütt. Nach Gießen zum Papierwarenhändler. Papier war etwas sehr Kostbares. Nicht zuletzt mit seinem Freund getrampt nach Frankfurt, wohin GIs sie mit ihren Amischlitten mitnahmen.
Dreijährig als Kriegsflüchtling mit seiner Mutter und seiner Schwester aus Böhmen nach  Staufenberg bei Gießen gekommen, hat er schon als Kind festgestellt, dass er nur durch fast manischen Erinnerungszwang alles Erlebte, Gesehene konservieren muss. „Für die Ewigkeit, jedes Ding will benannt und immer wieder benannt sein.“  Nichts darf in Vergessenheit geraten. Sonst wird man verrückt. In der Nachfolge sind noch einige Erzähl-„Bücher“ entstanden („Da fährt mein Zug“, „Unerwartet Marseille“).
Ist man dann Kurzeck’scher Manier verfallen, so liest man auch das Druckwerk – immer seine Erzählstimme im Kopf während man liest . Man freut sich über die weggelassenen Verben, repetierende Wiederholungen, seine besondere Sprache, die einen immensen Sog ausübt. Kein Entzug möglich.
Sein Debütroman „Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“ erschien 1979. Vorausblickend  groß angelegt war seine Chronik „Das alte Jahrhundert“ in 12 Bänden, von denen bereits fünf vorliegen, der Letzte „Vorabend“ mit über 1000 Seiten (alle verlegt bei Stroemfeld). Titel und Fragmente zu den übrigen existieren. Leider ist Peter Kurzeck im November des  vergangenen Jahres gestorben. Es gilt, ihn für sich zu entdecken!
Was mich am meisten fasziniert, ist die Wirkung der eigentümlichen Sprache. Obwohl man recht schnell erahnt oder gar weiß, dass die erzählte Zeit auf keinen „großartigen Höhepunkt“ zusteuert, so möchte man doch zuhören, dabei sein, teilhaben am Leben des Peter Kurzeck. Damit verbunden eigenen Erinnerungen sich „ergeben“, die unwillkürlich auftauchen.

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