hr-iNFO Büchercheck: Kämpfen von Karl Ove Knausgård


Knausgard Kämpfen

Er wird gefeiert wie ein Popstar. Seine Lesungen müssen in größere Säle, in Theater, manchmal sogar Hallen verlegt werden und sind trotzdem immer ausverkauft. Dabei schreibt der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård nur über sich selbst und sein wenig aufregendes Leben.
hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Dieses Buch ist eine Zumutung – aber das war dieses autobiografische Projekt von Anfang an. „Min Kamp“ – das ist der obsessive Versuch eines Autors, durch das möglichst  genaue Beschreiben des eigenen Lebens größtmögliche Kontrolle über dieses Leben zu gewinnen. „Kämpfen“ ist der Abschluss dieses radikalen Selbstermächtigungsprojekts und zugleich ein Nachdenken über die Bedeutung dieser Bücher für das Leben ihres Autors und der Menschen, die zu diesem Leben gehören. Es besteht aus zwei Teilen: Der erste spielt wenige Tage vor der Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr 2009 und handelt unter anderem von den wütenden Reaktion eines Onkels Knausgårds, der die Veröffentlichung unter allen Umständen verhindern wollte. Der zweite Teil schildert die Zeit vor dem Erscheinen des dritten Bandes und vor allem die schwere Depression, die Knausgards Bücher damals bei seiner Ehefrau auslösten. Zwischen diesen beiden Teilen gibt es einen fast 500-seitigen Essay über verschiedene Schriftsteller, den Holocaust, über Hitler und darüber, welche Beziehungen zwischen seinem Mein-Kampf-Werk und dem von Knausgård bestehen.

Wie ist es geschrieben?
Das ist in diesem Fall gar nicht so eindeutig zu sagen. Der Essay über Hitlers „Mein Kampf“ ist teilweise in einem literaturwissenschaftlichen Fachjargon geschrieben, der ein flüssiges Lesen nicht unbedingt erleichtert. Bei aller Mühe, die diese Lektüre bedeutet, gelingen Knausgård dann aber immer äußert präzise Einsichten in die Natur des Totalitären im Allgemeinen und Hitler im Besonderen:
” Hitler hat erkannt, dass Gefühle immer stärker sind als Argumente und die Stärke in einem Wir, die Sehnsucht, der Traum und die Lust auf eine Gemeinschaft unendlich viel größer ist als die Kraft, die in der Fürsorge für ein Sie liegt.“
In den autobiografischen Teilen dieses Buches  schreibt Knausgård wieder in einen schnörkellosen Stil, der jedes Ereignis und jeden Gedanken genauestens protokolliert. Das wirkt auf den ersten Blick banal, entfaltet aber sehr schnell jenen Sog, für den Knausgård von seinen Fans geliebt wird.

Wie gefällt es?
Ich habe mich von diesem Erzählsog mitreißen lassen. Ich bin Knausgård 1280 Seiten fasziniert gefolgt. Ja, ich habe mich ständig gefragt, was ist daran Literatur, was daran bloß das banale Leben eines Autors ? Aber genau, das ist die Frage, um die es Knausgard geht. Er will das Verhältnis von Literatur und Leben mit einer Radikalität ausloten, wie es kaum jemand vor ihm gewagt hat. Man muss an dieser Fragestellung interessiert sein – dann ist dieses Buch ein unvergleichliches Abenteuer. Für mich war es eine 1280-seitige Offenbarung – bislang das größte Literaturerlebnis dieses Jahres.

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