hr-iNFO Büchercheck: Liebe wird überschätzt von Valeria Parrella


Menschen an einem zentralen Wendepunkt ihres Lebens. Das ist der Kern guter Erzählungen. Die italienische Schriftstellerin Valeria Parrella schreibt solche Geschichten. Jetzt ist von ihr der Band „Liebe wird überschätzt“ erschienen. Schon der Titel zeigt: die Autorin aus Neapel bürstet gegen den Strich. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat die Geschichten gelesen.

Wird die Liebe nun überschätzt oder nicht? Für Susanna, die in einem Jahr Abitur machen wird und nun auf einer Urlaubsreise mit ihren Eltern ist, ist die Sache klar. Ja, die Liebe wird überschätzt. Sie hat aber auch erleben müssen, wie ihr Vater ständig fremd ging und die Mutter über Jahre hinweg eine heimliche Beziehung unterhielt. Susanna hat es gemerkt und die Verlogenheit ihrer Eltern registriert. Und als der Freund der Mutter während der Urlaubsreise stirbt und die Mutter aus dem Gleichgewicht gerät, rechnet Susanna mit ihren Eltern ab.
„Ich bin anders. Als ich im Zug aus dem Fenster geschaut habe, habe ich nur an das gedacht, was ich sah. Ich habe die Städte gesehen, dann nichts mehr. Über lange Strecken nur die Nacht, dann wieder einen hellen Schein über den Feldern, der näher kam, und ich wusste, dass dort hinten wieder eine Stadt liegt, mit Männern und Frauen wie ihr, die sich im Schlaf an der Hand halten und dabei an jemand anders denken. Und die Welt, die ich gesehen habe, wird meine sein.“
Worum geht es? Susanna ist eine typische Figur von Parrellas Erzählungen. Sie schreibt Geschichten über Menschen, die etwas erlebt haben. Glück oder Leid, Hoffnung oder Desillusionierung. Menschen, die ihr Leben annehmen, mit allen Seiten, bis zum Tod, aber immer bewusst und aktiv. Zum Beispiel die Äbtissin, die ihr Kloster verlässt, um den Säugling einer verschwundenen Zwangsprostituierten als ihr eigenes Kind auszugeben und groß zu ziehen. Oder das krebskranke Mädchen, das dem Tod entgegen blickt und trotzdem dieses Leben als ihres annimmt. Es zeigt einen Lebensmut, eine Lebenskraft, an dem letztlich sogar die Flammen des Krematoriums scheitern. Das ist eines von vielen großartigen Bildern in diesem Erzählband, der die verschiedenen und widersprüchlichen Facetten der Liebe unter die Lupe nimmt.
Wie ist es geschrieben? Acht Geschichten erzählt Valeria Parrella in diesem Buch. Einige sind der Alltäglichkeit abgeguckt, andere sind sehr speziell. Es sind menschliche, realistische Geschichten. Auch wenn es mal ein symbolisch zugespitztes Bild gibt, wie das vom unverbrennbaren Körper des toten Mädchens. Das verträgt die Geschichte und dieses Bild trägt sogar diese Geschichte. Überhaupt erzählt Parrella in Bildern. Sie beobachtet ihre Protagonisten in ihren Milieus oder sie lässt ihre Figuren selbst beobachten, was ihre Wirklichkeit ausmacht. Das macht einen großen Reiz dieser Erzählungen aus.
Wie gefällt es? Valeria Parrella präsentiert Menschen, die sich neu erfinden, Ereignisse in ihrem Leben aufgreifen und sich weiter entwickeln. Sie beschreibt das in einer sensibel registrierenden und scharf beobachtenden Sprache. Ich finde, das ist sehr gekonnt, interessant und anregend.

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