hr-iNFO Büchercheck: „Otto“ von Marc-Antoine Mathieu


Otto von Marc-Antoine Mathieu

Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse ist Frankreich. In der Ausstellung im französischen Pavillon wird auch der Comic eine große Rolle spielen. Denn der wird in Frankreich, anders als bei uns, schon längst als eigenständige Kunstform angesehen. Die neue Graphic Novel „Otto“ des französischen Superstars Marc-Antoine Mathieu ist spannend wie ein Krimi. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Diesen allerletzten Fragen geht die Graphic Novel auf den Grund. hr-iNFO-Büchercheckerin Tanja Küchle hat die Graphic Novel gelesen.

Worum geht es?
Es geht um „Otto“, einen Performance-Künstler, der vor allem mit Spiegeln arbeitet, die er gerne am Ende seiner Performances zerschmettert. Otto ist ein Superstar und auf der Höhe seiner Karriere auch in einer Sinnkrise angelangt. Und genau da erhält er die Nachricht, dass seine Eltern bei einem Auto-Unfall ums Leben gekommen sind. Sie haben ihm eine geheimnisvolle große Truhe hinterlassen. Darin stößt Otto auf die Dokumentation seiner ersten sieben Lebensjahre – in Notizen, Fotos und Tonbandaufzeichnungen, minutiös festgehalten. Er zieht sich in sein Atelier zurück und begibt sich in die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Material – und damit auch auf eine ungewisse Reise zu sich selbst.

Wie ist es geschrieben?
Die Graphic Novel „Otto“ ist von frostiger Schönheit. Ein schlankes weißes Buch im Querformat. Auch die Zeichnungen sind ganz in schwarz-weiß gehalten. Es gibt keine Sprechblasen, der Text steht immer unter den Bildern – und ist ein hochgradig reflektierender, philosophischer Kommentar zur Situation und den Gedanken von Otto. Die Bilder sind, wie häufig bei Marc-Antoine Mathieu, sehr symbolisch. Eine riesige Menschenmenge Schaulustiger nimmt da z.B. von der Luft aus betrachtet selbst die Umrisse eines Menschen an. Oder die fein verästelten Adern eines Blatts erweisen sich beim Rein-Zoomen in einem anderen Bild als Furchen, die viele kleine „Ottos“ durch den Hüfthohen Schnee ziehen. Ein Sinnbild für die verzweigten Wege, die Otto in seinem Leben gegangen ist – oder hätte gehen können.

„Er fühlte sich ‚vorgezeichnet‘. (…) Er kannte nun die Kettenreaktion von Ursache und Wirkung, die Ereignissen und Handlungsweisen in seinem Leben voranging, und er konnte nicht sagen, welche darunter folgenreicher waren als andere. (…) So kam es, dass Otto nicht mehr die Welt dachte, die Welt dachte in ihm.“

Wie gefällt es?
Vorsicht! „Otto“ ist anspruchsvoll, hoch-philosophisch – und macht Spaß! Denn die Geschichte hat eine latente Spannung, so etwas Schwebendes, gefährlich-Ungewisses, dass man gar nicht anders kann, als sie in einem Rutsch bis zu Ende zu lesen. – Und während dessen kommen viele Fragen auf: Wie haben mich meine eigenen Erfahrungen in der Kindheit womöglich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin? – Und auch wenn ich nicht so weit gehen möchte, den freien Willen für eine Illusion zu halten: Wie frei bin ich wirklich in meinen Entscheidungen? Marc-Antoine Mathieu stellt nicht nur die richtigen Fragen, er hat dafür auch starke, poetische und gänzlich stimmige Bilder entworfen. Bis zum allerletzten, das „Otto“ am Ende seiner Reise zu sich selbst tatsächlich finden wird.

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