Persönlicher Bericht von Dieter Dausien zu den Mordanschlägen von Hanau


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Die letzten Tage haben mich, wie vermutlich alle, die dies lesen, tief bewegt. Am 4. Tag nach den Anschlägen habe ich diesen Text geschrieben, auch um meine Empfindungen noch einmal zu sortieren. Manches werden viele kennen, vielleicht ist aber auch der eine oder andere Gedankenanstoß für Andere dabei, insbesondere Menschen, die nicht hier leben und die Vorgänge nur von der Ferne kennen.

Dieser unvorstellbare Vorfall hat unseren Alltag tiefgreifend verändert. Man kennt die Bilder aus dem TV von anderen Anlässen: Polizeiabsperrungen, Blumen und Grablichter, Menschen, die sich in den Armen liegen. Und doch ist es komplett was anderes, wenn das im eigenen Zuhause passiert. Der erste Tatort am Heumarkt liegt auf meinem Arbeitsweg, ob mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß, diese Ecke passiere ich mehrmals in der Woche. Und der Kurt-Schumacher-Platz ist ein Teil von “unserem” Wohnstadtteil Kesselstadt.

Das Erste, was meine Frau und ich mitbekommen, ist der Hubschrauber, der am Donnerstagabend über unserem Haus steht. Nach einiger Zeit googeln wir, finden ein paar Hinweise auf Schießereien in Hanau und können mit einem unruhigen Gefühl schlecht einschlafen. Am nächsten Tag zeigt sich mehr und mehr die Dimensionen der Geschehnisse. Ab da ist nichts mehr wie vorher: Ich fahre mit dem Fahrrad in den Laden, um am Heumarkt zu schauen, was los ist. Der ganze Straßenabschnitt ist abgesperrt, viel Polizei, Kamerateams, ratlos stehende Passanten, viele aus der betroffenen Community. Erste Blumen. Im Laden tun wir kaum etwas, das nichts mit den Ereignissen zu tun hat: Nachrichten verfolgen, mit Leuten reden, untereinander reden. In der Beratungsstelle, in der meine Frau arbeitet, gibt es eine Krisensitzung um zu klären, welche Hilfen betroffenen Menschen angeboten werden können. Schnell kommen die ersten Nachrichten über geplante Kundgebungen und Trauermärsche, wir posten sie auf facebook, auf unserer Website.

Abends soll es eine Mahnwache mit OB Kaminsky, Ministerpräsident Bouffier und Bundespräsident Steinmeier auf dem Marktplatz geben. Machen wir dann zu oder bleibt jemand die letzte Stunde allein im Laden? Wir entscheiden um 18 Uhr zu schließen und ein Schild an die Tür zu hängen. Wie formuliert man das? Schnell noch einen Post auf facebook etc. und nebenher das normale Tagegeschäft. Das allerdings so normal nicht ist, denn es kommen deutlich weniger Menschen in den Buchladen, als üblich. Dafür müssen wir entscheiden, ob wir unsere gemeinsam mit dem Kulturverein für morgen geplante Veranstaltung mit Michael Herl absagen. Rückfragen beim Kulturvereinsvorstand und beim Autor selbst haben das Ergebnis: Ja, wir machen das trotzdem. In der Erwartung, dass der Autor selbst etwas zum Thema sagt und Gespräche möglich sind.

Am Nachmittag sind meine Frau und ich nochmal am Heumarkt, Seehofer ist gerade da, Pressepulk, er spricht gedämpft in Mikrofone, die Stimmung ist ruhig aber angespannt. Es werden immer mehr Blumen und Lichter. Fotos der Opfer, handgeschriebene Zettel. Bei jedem Blick darauf krampft sich mein Hals zusammen und Tränen schießen mir in die Augen.

© Stadt Hanau

© Stadt Hanau

Um 18 Uhr dann die Mahnwache, ich stehe auf dem Marktplatz, versuche meine Frau zu finden, was unmöglich ist, obwohl wir nur 20 Meter auseinander stehen, dafür aber eng wie Sardinen. 5000 Menschen füllen den Platz, drei kurze Reden, ohne Rahmung, es fehlt ein Redner der türkischen Community. Vielleicht ist das den unglaublich vielen Aufgaben geschuldet, die von den städtischen Verantwortlichen zu bewältigen sind: Versorgung der Verletzten, Kümmern um die Hinterbliebenen, um die Bundesprominenz, um die Presse, den Verkehr – alles koordinieren und dann immer noch die richtigen Worte finden an den richtigen Stellen.

In den nächsten Tagen gibt es für uns, ob zuhause oder im Buchladen, kaum ein anderes Thema, keinen Moment, in dem man nicht daran denkt. Am Freitag laufe ich durch die Innenstadt, sie ist fast leer, bis auf den Heumarkt und den Marktplatz. Hier gab es am Nachmittag eine Menschenkette. Leute stehen da, ratlos, umarmen sich. Um das Brüder-Grimm-Denkmal massenhaft Blumen und Lichter, Kamerateams und Journalisten aus aller Welt laufen von einem Ort zum anderen, stehen im aufgestellten Scheinwerferlicht, sprechen ins Mikrofon. Passanten werden befragt. Welchen tiefgreifenden Satz sage ich in ein Mikro, wenn mir eines entgegengehalten wird? Ich komme nicht in die Verlegenheit. Ich kämpfe ständig mit den Tränen in den Augen, trage mich in das Kondolenzbuch ein, das im Rathaus ausliegt.

Abends gibt es einen Schweigemarsch vom ersten zum zweiten Tatort, dem Kurt-Schumacher-Platz. Die Namen der Opfer werden verlesen, bisweilen schmerzvoll geschrien. Um 20 Uhr dann unsere Veranstaltung, die Vorsitzende vom Kulturverein und ich gestalten eine nachdenkliche Begrüßung mit einer Schweigeminute.

Am Samstag habe ich frei, schnell einkaufen und dann in den Buchladen, von wo aus wir zur großen bundesweiten Kundgebung auf dem Freiheitsplatz gehen. Heute sind es die linken Gruppen um den DGB, die aufgerufen haben. Eine junge Kurdin spricht sehr beeindruckend und engagiert, man kann sie nur bewundern. 6000 Menschen sind gekommen. Demonstration einmal um die Innenstadt zum ersten Tatort am Heumarkt. Nach dreieinhalb Stunden wieder zuhause. Wir sitzen sofort wieder über dem Rechner oder der Zeitung, online recherchieren, lesen, der Hanauer Anzeiger berichtet über viele Seiten, der SPIEGEL mit einer Titelgeschichte.

IMG_20200223_143146Am Sonntag gehen meine Frau und ich zur großen Demonstration der türkischen Gemeinden, das sind in Hanau 10.000 Menschen. Schon auf dem Weg zum Kurt-Schumacher-Platz in der Weststadt sind überall Menschen, die auch dorthin wollen. Man kommt gar nicht mehr zum Platz, alles ist voll, unzählige türkische Fahnen, auch deutsche, keine kurdischen (obwohl mehrere Opfer Kurden waren). Bei den vielen türkischen Fahnen, z.T. riesengroß, ist uns auch nicht wohl. Wir wollen keinen Nationalismus, auch keinen türkischen. Der Marsch füllt die Philippsruher Allee auf voller Länge, in den Abendnachrichten heißt es, 10.000 Menschen waren da. Sie sind zu gut 80 % türkischer Abstammung. Dann die Abschlusskundgebung auf dem Markt, mit dem Gebet eines Imams und einer sehr guten Rede unseres OB Kaminsky, der sagt, die Opfer waren keine Fremden, sondern Hanauer.

Für mich war eine Erkenntnis, in welchem Maße es komplett anders ist, ob man solche Katastrophen im Fernsehen sieht oder ob sie im eigenen Zuhause stattfinden. Die Blumen und Lichter, die massive Polizei, die viele Berichterstattung, das ist alles erstmal unwirklich und dann extrem bedrückend, so nah und so real. Wir fühlen uns immer noch desorientiert und verwirrt. Es gibt keinen Moment, in dem das Geschehene nicht präsent wäre.

Und: Dass ich einen Reflex spüre, mich bei allen türkischstämmigen Menschen, die mir begegnen, zu entschuldigen. Ich nähere mich einem Verständnis dessen an, was sie derzeit (und auch schon davor) erleben müssen: Sich mehr oder weniger geduldet zu fühlen, latenter Ablehnung zu begegnen, negative Blicke und Worte. Die Wohnung nicht zu bekommen. Und nicht einschätzen zu können, wann wieder einer von der Mehrheitsgesellschaft austickt und seinem Hass freie Bahn lässt.

Und, dass es immer wieder darum gehen muss, den einzelnen Menschen zu sehen und nicht den Zuschreibungen zu glauben, die wir alle im Kopf haben.

Und, wie wahr es ist, dass der unterschwellige Rassismus ebenso wie der geäußerte Rassismus á la AFD oder Social Media, den Boden auch für das Allerschlimmste bereitet. Das muss mit staatlicher Repression bekämpft werden, aber vor allem ist es eine Aufgabe für jede(n) von uns selbst.

Dieter Dausien, 23.02.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  1. Lieber Dieter, ich werde soeben auf deinen Beitrag aufmerksam, der die Stimmung, die Ohnmacht , dass Entsetzen auf wunderbare Weise widerspiegelt. Ein Zeitzeuge der schlimmsten Epoche deutscher Geschichte, der am eigenen Leib erfuhr, was es bedeutet, in Angst zu leben, hat es einmal so formuliert: “hätte es länger gedauert, hätte man eine neue Sprache schaffen müssen, das Grauen zu beschreiben”, Natürlich ist das, was wir heute erleben, nicht so komplex wie das, was dieser Zeitzeuge in 13 Jahren NS-Diktatur und Gewaltherrschaft erleben musste. Aber auch der Nationalsozialismus entwickelte sich schleichend und fast unmerklich. So wie wir es heute erneut erleben. Und eben dies gilt es mit der schärfsten Waffe, dem “Wort”, wie Lessing es sagte, zu verhindern.

  2. Mariana Kemmerer sagt:

    Diese Worte berühren mich. Ich bin in Hanau geboren, aufgewachsen und geblieben, war nie weg aus dieser Stadt, die für mich immer so vieles war…. An manchen Ecken hart, siffig, grob… Trotzdem immer tolerant, weltoffen… Völlig egal woher man kommt. Die Schulkameraden und Freunde, die Clique, jeder mit anderen Wurzeln, aber das war so egal, so egal… Eines aber gab es in Hanau nie, rechten Hass, Nazis… Und wenn es sie gab, hatten sie Angst sich zu zeigen. Hanau war stark gegen rechts und das war klar. Nun ist Hanau getroffen und ich kann mir nichts vorstellen, was Hanau härter hätte treffen können als diese unfassbar schreckliche, feige, ekelhafte und widerliche Tat, aus rechter Motivation, gepaart mit Wahnsinn und krankem Kopf. Mit einer AfD als Nährlösung! Mein Hanauer Herz ist getroffen… Mein menschliches, tolerantes, freies und offenes Herz ist getroffen….. In Gedanken bei den Toten.
    Mariana Kemmerer

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