Sag den Wölfen, ich bin zu Hause von Carol Rifka Brunt


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Ich hätte fast das komplette letzte Drittel durch weinen können. Vor Rührung. Aus Zuneigung. Aus Sympathie. Vor Traurigkeit. Carol Rifka Brunt hat mich auf vielen verschiedenen Ebenen berührt. June ist ein Mädchen, das nicht mit dem Schwarm schwimmt. Sie interessiert sich fürs Mittelalter, stellt sich häufig vor, dass sie dort lebt, träumt sich ihre eigene Realität. Bisher war das kein großes Problem für sie. Ihre Eltern haben diesen Spleen nicht sehr ernst genommen, an Freundschaften mit Gleichaltrigen war sie nicht sehr interessiert. Alles, was sie an Zwischenmenschlichem benötigte, hat sie bekommen. Von ihrer Schwester Greta und ihrem Onkel Finn.


Doch dann stirbt Finn und zwischen ihr und Greta ist eine tiefe Kluft entstanden, die June nicht erklären kann. Und plötzlich ist da niemand mehr, der June versteht.
Finn ist an Aids gestorben. In den 80ern in New York. Bei mir schaffen diese Tatsachen sofort eine Verbindung zum Film “Philadelphia“, in dem ebenfalls ein homosexueller Mann an Aids stirbt. Ein Schock. Ein Skandal. Für mich war der Film der erste Berührungspunkt zum Thema Aids. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch bei uns noch glaubte, dass es eine Krankheit ist, die Schwule bekommen. Eine Krankheit, die Schwule als solche enttarnt. Und damit sind sie ja auch irgendwie selbst Schuld, dass sie erkrankt sind. Eine Denkweise, die ich mir heute nicht mal mehr Ansatzweise vorstellen kann, die es aber tatsächlich mal gegeben hat. Carol Rifka Brunt gibt die Denkweise der 80er Jahre sehr gut wieder, ohne den Zeigefinger darüber zu erheben.

Finns Familie trauert. Mit der Trauer kommt die Wut. Mit der Wut die Suche nach einem Schuldigen. In diesem Fall ist es Toby. Finns Freund. “Finns spezieller Freund“, wie es Junes Eltern ausdrücken, denn natürlich wird nicht offen darüber gesprochen, dass Finn schwul war. June und Greta werden vor ihm gewarnt. Er ist ein Mörder. Finns Mörder und auf gar keinen Fall soll er auch noch zur Gefahr für die beiden Mädchen werden. Doch dann lernen Toby und June sich kennen. Und stellen fest, dass sie einiges teilen. Nicht zuletzt die Sehnsucht nach Finn. Die einzige, die scheinbar nicht um Finn trauert, ist Greta. Ihr war er schon länger ein Dorn im Auge. Sie war eifersüchtig auf ihn. Auf die Art, wie er sich gab. Auf die Art, wie er gemocht wurde. Dass er June so sehr liebte und vor allem, dass June diese Liebe erwiderte. Mit Finn war June so glücklich, dass sie Greta nicht mehr brauchte. Greta, die mutig, stark und selbstbewusst der Welt begegnet. Und in deren Herz ein Loch ist, in das ganz genau ihre Schwester hinein passt.

Auf den ersten Blick scheinen Homosexualität, Intoleranz und der Umgang mit Aids die zentralen Themen dieses Romans zu sein, der sich irgendwo im Jugendbuchgenre bewegt, aber definitiv trotz jugendlicher Protagonisten auch für Erwachsene geschrieben wurde. Um dabei zu helfen Toleranz in die Welt zu tragen. Um mit Aufklärung und Wissen für Verständnis zu sorgen. Wenn ich ganz genau hinschaue, dann gibt es aber gar keine zentralen Themen. Wie kaum einer anderen Autorin oder Autor, ist es Carol Rifka Brunt gelungen eine Geschichte zu entwerfen, die ein großes Komplex umfasst. Das Zusammenleben von Menschen. Auf vielen verschiedenen Ebenen wird sie ihren Protagonisten gerecht. Schreibt vom Miteinander und vom Auseinander reißen. Von Löchern im Herz, vom Vermissen, von Zuneigung, von Abneigung, Wut und Neid, vom Wünschen, Hoffen, verlieren, verfluchen und vergeben. Poetisch und klug und so lesenswert, dass ich hoffe, dass ganz viele Leserinnen und Leser Zugang dazu finden.

Nanni bloggt auf ihrem Buchblog Fantasie & Träumerei und regelmäßig für den Buchladen am Freiheitsplatz.

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